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Wie die Netzwerkkultur die Gesellschaft verändert

Am 19. und 20. Januar fand in Hannover der 2. Deutsche Medienkongress 2010 statt, organisiert durch die Zeitschrift HORIZONT. Sogenannte Top-Entscheider trafen sich unter dem Motto “The Future of Media”, um über die Kommunikation von morgen zu diskutieren. Für mich ist die Keynote zur Eröffnung des Medienkongresses von Prof. Dr. Peter Kruse die beste Analyse und Einschätzung im Bereich der stetig wachsenden Netzwerkkultur, die ich bislang gesehen habe.

Prof. Dr. Peter Kruse

Prof. Dr. Peter Kruse (Bildquelle nextpractice.de)

Die Keynote ist stark wissenschaftlich geprägt und erläutert mehr die gesellschaftlichen Veränderungen im Hintergrund. Nach Peter Kruse, dessen Grundannahme für seine Theorien auf den Parallelen des menschlichen Gehirns zur Gesellschafts-Systematik basieren, “ist das die erste große Völkerwanderung des Informationszeitalters.“ Hohe Kopplungsdichte, die wir mit der technischen Grundlage des Internets und dem zunehmenden Breitband-Zugängen ständig erweitern, sowie eine steigende sog. Spontantaktivität, der die Motivation der Beteiligung im Netz zugrunde liegt, sprich warum wir bei Facebook, Twitter & Co. tagtäglich unsere Meldungen schreiben, sind die ersten beiden Säulen, die für eine Veränderung in unserer Netzwerkultur sprechen. Hinzu kommen nun die nachhaltig kreisenden Erregungen, also Themen oder Ereignisse, die uns besonders interessieren und die in kurzer Zeit eine sehr hohe Reichweite und Verbreitung durch immer wiederkehrendes Teilen (Share & Re-Tweet) von Informationen erzeugen. Prof. Kruse analysierte das letzte Jahr und bringt anhand zahlreicher Beispiele wie #Zensursula, #Unibrennt, #Iranelection, #piraten und #JackWolfskin die Prognose für 2010 definitiv auf den Punkt:

Wenn der vielzitierte “Long Tail” beginnt, sich gezielt über sozialen Netzwerke zu organisieren, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es dem Schwanz gelingt, mit dem Hund zu wedeln.
(Zitat: Prof. Dr. Peter Kruse, Keynote Medienkongress 2010)

Sehr interessant finde ich ebenfalls in dieser digitalen Welt sein Beispiel, wie sich Menschen organisieren, wenn sie kein technisches Hilfsmittel wie soziale Online-Netzwerke zur Verfügung haben. Zur Volkszählung 1987 in Deutschland wurde auf Geldscheinen zum Boykott aufgerufen. Nachdem die iranische Regierung während der oppositionellen Proteste im Sommer 2009 mehrfach die Informationssperre durch Abschaltung der Internetzugänge versucht hat, aufrecht zu erhalten, haben auch dort die Menschen den Kreislauf des Geldes dazu verwendet, zur Opposition aufzurufen.

Die Menschen verbinden sich demnach so oder so und insbesondere heute in rasender Geschwindigkeit über die Technologie der globalen Vernetzung. Sie organisieren sich zu einer eigenen Macht mit einem gemeinsamen Ziel ohne personellen Führungsanspruch, um im Anschluß wieder zu zerfallen und sich erneut zu formieren. Dieser Wandel der Gesellschaft ist ein Ergebnis der Netzwerkkultur, deren Kontrolle aussichtlos erscheint und dadurch beängstigend wirken kann. Doch der Nutzen daraus ist die kollektive Intelligenz, die sich selbst organisiert und auch kontrolliert.

Allerdings finde ich es bezeichnend, dass die Erwähnung dieser revolutionären Thesen auf der HORIZONT-Webseite erst an allerletzer Steller erfolgt. Der Preisverfall im Werbemarkt und die Zukunft der Printmedien scheint nach wie vor eine wesentlich größere Rolle zu spielen, als Zeitgeist und Trendforschung.

Sehr traurig betrachte ich abschließend die Tatsache, dass bei diesem Event offenbar DIE Prognose für 2010 an den scheinbar Verantwortlichen der Medienbranche völlig vorbei ging, da bei der Eröffnungs-Keynote von Prof. Dr. Peter Kruse der Saal erst höchstens zur Hälfte gefüllt war. Es besteht aber noch Hoffnung, da jeder Kongress-Teilnehmer ja immerhin die Möglichkeit besitzt, sich entsprechende Passagen bei YouTube auch im Anschluss noch zu Gemüte zu führen. Selbstverständlich nur, sofern man weiß, was YouTube ist, schließlich gibt es dieses Medium erst seit 2005.

Allen anderen kann ich diesen Kongress-Mitschnitt nur empfehlen und rufe ganz im Sinne der nachhaltig kreisenden Erregungen zu einem unaufhörlichen Share & Re-Tweet auf. Allerdings sollte man im Video erst ab Minute 8:30 einsteigen, um sich die Eröffnungsrede zu sparen.

Ich danke für die Weiterleitung dieser brillianten Thesen hiermit auch Patrick Wagner von réalisateur Berlin, dessen Gedanken und Ideen immer wieder eine Bereicherung sind und mich ein weiteres Mal in meinen eigenen Zielen und Visionen bestätigt hat.


Posted in: Allgemein, Social Media Marketing on 24.01.2010 by kaipiranha.

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