#9Nov89live – Ein Tag in 140 Zeichen

9Nov89live

09 Nov #9Nov89live – Ein Tag in 140 Zeichen

23 Jahre ist es her. Als ich am 9. November 1989 morgens aus dem Bett aufschreckte, weil ich wieder mal den ersten Block verpennt habe, war das bis dahin das einzig aufregende des Tages. Vormittags Schule, nachmittags Lernen für Klausuren im Abi-Endstadium. Abends Kino mit meinem Bruder. Das war der Plan des Tages.

Auf dem Rückweg vom Kino saß ich oben im Bus Linie 49 Richtung Gatower Straße und wir standen minutenlang am Theodor-Heuss-Platz in Berlin-Charlottenburg. Ich dachte mir noch, warum fährt der Idiot von Busfahrer nicht weiter? Ich will nach Hause. Dann plötzlich ertönte die etwas unsichere Stimme des Fahrers durch die Lautsprecher: „Verehrte Fahrjäste, ick hab jerade die Info ausser Zentrale bekommen, dat die DDR die Grenzen uffjemacht hat. Die Mauer is offen und die Ossis kommen alle rüber.“ Das Murmeln der wenigen Fahrgäste verstummte augenblicklich. Man sah sich gegenseitig an  mit einem Blick aus Zweifel, Verunsicherung und so etwas wie Freude. Keiner sagte ein Wort. Dann setzte sich der Bus wieder in Fahrt. Ich rannte den Weg von der Bushaltestelle zu mir nach Hause. Nix mit Smartphone damals. Kein Liveticker per Twitter. Keine Streams. Mein Sony Discman hatte nicht mal Radio.

Zuhause saßen meine Eltern bereits vor dem Fernseher und riefen mir in den Flur zu: „Das musst du sehen! Das glaubst du nicht! Die Mauer ist offen!“ Ich sah die Bilder und war sprachlos. Ich sah hunderte von Menschen in seltsam blassfarbener Kleidung und noch seltsameren Frisuren in Rudeln über den Kudamm ziehen. Ich sah mir das Spektakel eine Stunde lang an, ohne viel zu sagen. Als ich im Bett lag war klar, ich scheiß auf die Schule am nächsten Tag und fahr zum Brandenburger Tor.

Breitscheidplatz zum Mauerfall

Der MDR rekapituliert heute den Tag von damals auf spannende Art und Weise. Aus der Sicht von verschiedenen Protagonisten werden via Twitter über den ganzen Tag verteilt Statusmeldungen abgeschickt, die den schicksalhaften Verlauf beinahe live (wieder) miterleben läßt. Initiator der Aktion ist Frank Rugullis, der am 9.11.89 morgens noch daran dachte, dass er am nächsten Tag bei der Volksarmee seinen Dienst antreten muss. So spiegelt sich auch seine Geschichte auf dem Twitter Account @9Nov89live entsprechend wieder:

Neben dem Alter Ego von Rugullis gibt es auch einen SEDler, einen Wachsoldat, einen Journalisten und noch verschiedene andere beispielhafte Charaktere, die den Tag in 140 Zeichen wie ein Puzzle zu einem Gesamtbild formen. Scheinbar belanglose Gedanken geben einen Einblick in den Tagesverlauf und lassen sich ein die jeweilige Welten der anderen hinein sehen.

 

 

Nach dem Meme #twitterlikeits1989 von 2009 ist dies der zweite Ansatz, einen bedeutenden Tag der deutschen Geschichte digital ins Gedächtnis zu rufen. Seit heute früh konnte der Account bereits über 1000 neue Follower dazu gewinnen. Ich bin gespannt, wie sich das bis heute Abend weiter entwickelt. Nicht nur im Sinne der Zahlen, sondern vielmehr aus historisch dokumentierender Sicht.

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