17-Juni-Volksaufstand

Am 17. Juni 1953 erhob sich ein Volk, um gegen seine Regierung zu protestieren. Es hatte genug von der Misswirtschaft und den Machenschaften der Politik des Landes. Hunderttausende legten ihre Arbeit nieder und zogen durch die Straßen. Sie versammelten sich spontan in den Gassen und die einzelnen Gruppen schlossen sich zusammen um Seite an Seite zu einer riesigen Masse zu werden. Dieses Volk demonstrierte seinen Wunsch nach Veränderung und setzte sich dafür ein, gehört zu werden. Es waren keine Anführer darunter, die diese Masse an der Spitze leitete. Es gab zu Beginn keine wirklich gezielte Organisation dieses Aufstandes. Es war das Volk, was auf die Straße ging, um zu sagen: Es reicht uns!

Dieser Aufstand fand nicht irgendwo in der Welt statt. Es war hier. Mitten in Europa. Hier in diesem Land. Es waren die Bürger und Arbeiter der DDR, die sich erhoben und gegen das SED Regime protestierten. Sie forderten ihr Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung. Und die Antwort waren Panzer.

Bundesarchiv B 145 Bild-F005191-0040, Berlin, Aufstand, sowjetischer Panzer

Die demokratischen Demonstrationen in der ganzen Türkei, die seit nun mehr als 2 Wochen andauern, die friedlich und mit einem nie zuvor gesehenen Gemeinschaftsgefühl und Schulterschluß von verschiedensten politischen und gesellschaftlichen Gruppierungen ebenfalls ihr Recht auf Selbstbestimmung und Freiheit fordern, haben sich bisher glücklicherweise keinen Panzern gegenüber gesehen. Aber es ist brutalste Gewalt, die von Polizisten auf das eigene Volk verübt wird, im Grunde schon verbrochen wird.

Als am 15. Juni 2013 die Sondereinsatzkommandos ohne Vorwarnung den Gezi Park stürmten, obwohl das von Ministerpräsident Erdoǧan gestellte Ultimatum noch nicht mal abgelaufen war, befanden sich Familien mit kleinen Kindern darin. Rücksichtslos wurde mit Gasbomben und Wasserwerfern in die Menge geschossen, denen um noch größeren Schaden anzurichten sogar Chemikalien beigemischt wurden und Verbrennungen ersten Grades auf der Haut verursachten. Kinder wurden von ihren Eltern in der Massenpanik getrennt und irrten durch die Straßen rund um den Taksim Platz. Familien flüchteten sich in das naheliegende Hotel Divan, um Schutz zu suchen. Kurze Zeit später stürmte die Polizei dieses Gebäude und schoss in die Lobby mehrfach Gasgranaten. Dieses Video zeigt eine Dokumentation der Kinder, die nur wenige Stunden zuvor interviewt wurden.

Was bringt einen dazu, solche Bilder als Lügen darzustellen? Wie kann man sich als verantwortlicher Minister für den EU Beitritt erlauben, jeden als Terroristen zu bezeichnen, der den Taksim Platz betrete? Wie kann man für die Demonstranten den öffentlichen Nahverkehr blockieren und für die eigene Kundgebung massenhaft Anhänger in Bussen herankarren? Wie kann man als demokratisch gewählter Staatsführer in einer regelrechten Hassrede in aller Öffentlichkeit sagen:

“Keiner soll denken dass er davon kommt, wir werden alle verhaften, Künstler, Rektoren, Lehrer, Politiker. Alle die gegen uns sind! Wir werden alle verhaften, alle die bei Twitter provoziert haben, wir werden alle Ärzte schnappen die halfen, wir haben alles auf Kameras! Wir geben euch nicht das Brotgeld, damit ihr Schüler/Studenten zu Terroristen erzieht. Ihr werdet dafür bezahlen!”

Ich höre seit 16 Tagen immer wieder die Fragen von Freunden oder lese in sozialen Netzwerken, warum uns in Deutschland das, was in der Türkei passiert, etwas anginge oder warum sich Deutschland einmischen sollte.

  • Weil es Familienangehörige, Freunde und Nachbarn sind, denen das widerfährt!
  • Weil es eine der demokratischsten Bewegungen ist, die wir seit 60 Jahren gesehen haben!
  • Weil von Straßenkindern bis zum leitenden Bankangestellten alle auf die Straße gehen und sich für ihr Land einsetzen!
  • Weil es EIN Volk ist, dass sich gegen seine Regierung erhebt und trotz der Brutalität keine Angst zeigt, zusammen geschlagen oder verhaftet zu werden!
  • Weil wir in unserer eigenen Geschichte erlebt haben, was passiert, wenn ein Staat sein Volk mit Waffengewalt auseinander schlägt!
  • Weil gerade wir wissen, was es bedeutet von einem Megalomanen unterdrückt zu werden!
  • Vor allem aber: Weil es unsere verfickte und gottverdammte humanitäre Pflicht ist, nicht wegzuschauen, sondern unsere Stimme mit noch viel größerer Kraft zu erheben und den Rufen nach Freiheit und Demokratie beizustimmen!

ŞIDDETI DURDURUN! STOPPT DIE GEWALT! STOP THE VIOLENCE! In der Türkei! In Brasilien! In Syrien! Und wo sonst noch der angebliche Rechtsstaat sein Volk unterdrückt und das Streben nach Freiheit und Selbstbestimmung mit Waffen niederschlägt!

occupyturkey-die-proteste-in-istanbul

Es begann alles mit ein paar Bäumen, die abgeholzt werden sollten, um Platz für ein neues Einkaufszentrum zu machen. Diese Bäume stehen im Gezi Park am Taksim Platz mitten in Istanbul. Das Besondere an diesem Park ist, dass er einer der letzten Grünflächen der Millionenstadt ist. Istanbul ist gigantisch. 16 Mio. offizielle Einwohner, geschätzte 20 Mio. in der Realität. Es ist laut. Es ist staubig. Die Abgase der verstopften Straßen liegen in der Luft. Somit sind Parks und Grünanlagen ein sehr wertvolles Gut geworden. Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdoğan ist in den letzten Jahren durch immer größerer, noch gigantischere Bauprojekte unter dem Deckmantel des Wirtschaftswachstums zu einem berüchtigtem Ruf gekommen.

Eine Gruppe von Umweltaktivisten hat zusammen mit der Bevölkerung in diesem Park ein Zeltlager aufgebaut, um gegen die Abholzung der Bäume und den Abriss des Parks zu demonstrieren. Es waren Familien mit Kindern, alte und junge Menschen, die sich dort für den Erhalt ihres Parks einsetzten.

Der Taksim Platz versinkt im Tränengas

Am 31.05.2013, Freitag nachmittag gegen 17 Uhr, bekam die Polizei den Befehl den Platz zu räumen, damit die Bauarbeiten weiter geführt werden können. Was dann geschah, erinnerte stark an den sog. Schwarzen Donnerstag bei den Demonstrationen gegen das umstrittene Projekt Stuttgart21. Mit brutaler Härte, Schlagstöcken und Tränengasgewehren gingen die Polizeikräfte gegen die Demonstranten vor und das Zeltlager war in wenigen Minuten in dichtem Nebel aus Pfefferspray und Tränengas verschwunden. Die Menschen, Familien, Rentner, Kinder und Frauen wurden völlig überrannt und vom Platz geprügelt.

Es war der letzte Tropfen

In den letzten Monaten und Wochen häuften sich die Proteste gegen Entscheidungen der Regierung wie die Internetzensur, das Alkoholverbot in den Städten oder die Entmachtung des Militärs. Doch diese haltlose Brutalität der Polizei, mit der bekanntermaßen generell absolut nicht zu Spaßen ist, hat die Bevölkerung von Istanbul endgültig wachgerüttelt. Was mit einer kleinen Bürgerbewegung startete, wurde in weniger als 48 Stunden zu einer der größten Demonstrationen gegen das AKP Regime. Je heftiger die Polizeigewalt eskalierte, desto mehr Menschen gingen auf die Straße. Die größte Einkaufsstraße Istanbuls war ein Meer aus leeren Gaspatronen, Trümmern und zerbrochenen Fensterscheiben.

In der türkischen Hauptstadt Ankara machte sich noch in der Nacht von Freitag zu Samstag eine Gruppe von knapp 1000 Menschen auf den Weg zum Regierungsgebäude. Während des Marsches kamen mehrere tausend hinzu. Am Ende waren es 10.000, die ein Ende der Gewalt forderten. Doch auch in Ankara war die Antwort Tränengas.

Erdoğan sagte zu den Ereignissen der Nacht in seiner Rede am Samstag:

“Wenn ihr 200.000 stellt,
dann stelle ich 1 Mio.”

Darauf hin liefen mehrere tausend Menschen über die Bosporus-Brücke von der asiatischen zur europäischen Seite Istanbuls. In vielen Städten der Türkei kam es zu Solidaritätsaktionen und Demonstrationen.  Aufrufe in Städten wie Berlin, Frankfurt, London, Prag versammelten tausende von Menschen, die ihre Solidarität ausdrückten. Am Sonntag waren es Hunderttausende, die landesweit gegen die Regierung und die brutale Gewalt der Polizei demonstrierten.

Es sind nicht die Extremisten oder die Linksradikalen, die auf die Straße gehen. Es sind Bürger, Türken und Kurden, Muslime und Christen, Frauen und Männer, Junge und Alte, Fans von Galatasaray und Beşiktaş die Seite an Seite wie aus einer Stimme rufen: Es reicht! Insofern hat Erdoğan eines sicher erreicht. Einen Schulterschluß von Menschen, die bis vor einer Woche wahrscheinlich nicht mal einen Tee zusammen getrunken hätten.

Der Druck auf Erdoğan wächst

Nachdem die internationale Presse zunächst eher zögerlich mit der Berichterstattung reagierte, sind durch die massive Sichtbarkeit in den sozialen Medien mittlerweile auch CNN Teams und Journalisten aus aller Welt vor Ort, um live die Ereignisse zu beobachten. Die dezentral organisierte Hackergruppe Anonymous hat sich am Sonntag Abend ebenfalls eingeschaltet und sämtliche Regierungswebseiten attackiert.

Jede Drohung des Präsidenten führt nur zu noch mehr Mobilisierung und Solidarität der Bevölkerung, die den Rücktritt ihres in Verruf geratenen Präsidenten fordert und die Regierungspartei AKP beginnt sich zu spalten. Es ist anders, als bei den Revolutionen in Ägypten, Tunesien und Syrien, wo es sehr schnell Strömungen von islamistisch geprägten Organisationen und Parteien gab. Die Thesen Kemal Atatürks, bei der Formierung des türkischen Staates die Regierung und die Religion klar voneinander zu trennen, sind bis heute für viele eine klare Bedingung für eine demokratische Republik. Die AKP mit Ministerpräsident Erdoğan hat in den letzten Jahren diese Trennung mehr und mehr aufgeweicht. Statt einem Einkaufszentrum soll nun eine Moschee gebaut werden, denn dafür bräuchte er (Erdoğan) nicht mal eine Genehmigung des Volkes. Es ist nicht abzusehen, was aus diesen Protesten in der Türkei entsteht oder entstehen könnte. Klar ist, dass das ein großer Teil der Bevölkerung sich eine deutliche Veränderung wünscht und die wachsende Autokratie Erdoğans nicht länger dulden will.

Social Media als Quell des Bösen?

In kürzester Zeit gingen die Schockmeldungen vom Taksim Platz durch soziale Kanäle wie Twitter und Facebook. Fotos von Verletzten, Schlagstockattacken der Polizisten im Tränengasnebel verbreiteten sich im Sekundentakt. Innerhalb weniger Stunden versammelten sich hunderte von protestierenden Bürgern auf der belebten Shoppingmeile İstiklal Caddesi, die geradewegs auf den Taksim Platz führt. Über Social Media organisiert sich der Aufstand, informiert sich gegenseitig über Polizeikräfte, Wasserwerfer und ärtzliche Notfallversorgung. Sofort kamen die Bilder und Erinnerungen an Teheran 2009 zurück, wo sich ähnliches abspielte, nachdem die Wahlergebnisse sehr zweifelhaft waren und dem wiedergewählten Präsidenten Ahmadinedschad  Betrug und Manipulation vorgeworfen wurde.  Twitter und Facebook haben hierbei ebenso eine wesentliche Rolle der Koordination und Information gespielt, da die staatlichen Nachrichtensender keinerlei oder kein objektive Berichterstattung gegeben haben.

In seiner ersten Stellungnahme in den türkischen Medien sagte Präsident Erdoğan dann:

“Es gibt ein Übel, dass sich Twitter nennt. Die größten Lügen verbreiten sich hier. Das Ding, dass sich Social Media nennt, ist im Moment eigentlich das Hauptübel aller Gesellschaften.”

(Original: “Twitter denilen bir bela var. Yalanın daniskası burada. Sosyal medya denilen şey aslında şu anda toplumların baş belasıdır.”
)

Wenn es Twitter und Facebook nicht gegeben hätte, wären die Ausschreitungen und Misshandlungen in Istanbul niemals in die nationale und internationale Sichtbarkeit gekommen. Die hohe Internetnutzung und Social Media Affinität der türkischen User war sicher mit ein Grund, warum die Hashtags #direngeziparki, #occupygezi, #occupyturkey und andere in nur wenigen Stunden zu globalen Trending Topics auf Twitter wurden. Celebrities und große Nachrichtenagenturen wie Reuters, CNN und BBC wurden von türkischen Twitteristi gezielt und massiv angeschrieben, dass sie über die Ereignisse dringend berichten müssten. Denn im türkischen Fernsehen oder in den nationalen Nachrichten gab es keinerlei Beiträge. Stattdessen wurde im Fernsehen eine Miss-Wahl übertragen und die hässlichste Katze der Welt gezeigt. Die Medien wurden offensichtlich beeinflusst, wie ein direkter Vergleich des Programms von CNN zeigt.

Dass Erdoğan soziale Netzwerke als Quell des Bösen betrachtet, ist verständlich. Denn wieder einmal hat sich gezeigt, dass sich eine Massenbewegung durch staatliche Kontrolle von klassischen Medien nicht aufhalten lässt.

Kaum Unterstützung aus Deutschland

Was mich persönlich etwas enttäuscht, dass die sonst so aktiven Netzaktivisten in Deutschland so gut wie gar nicht auf diese gesellschaftlichen Veränderungen in der Türkei aufspringen. Meine Timelines auf Facebook und Twitter sind voll mit Meldungen aus Ankara, Istanbul oder Izmir, weil ich dort Freunde, Familie und Bekannte habe, die mitten aus dem Geschehen berichten. Bei namhaften deutschen Twitterern und Bloggern sehe ich jedoch kaum oder gar keine Beteiligung. Es liegt vielleicht an der sprachlichen Barriere, da die überwiegenden Meldungen auf türkisch geschrieben werden und kaum in englisch. Auf Twitter kamen vereinzelt Nachfragen und die Bitte um Übersetzung aus dem deutsch-türkischen Bekanntenkreis, um zu verstehen, was alles passiert. Dennoch sehe ich eher Tweets  zum DFB Pokalfinale oder der sonntagabendlichen Tatort Ausstrahlung, anstatt sich mit dem auseinander zu setzen, was gerade für Westeuropa sowohl politisch als auch gesellschaftlich von großer Bedeutung ist. Die Türkei ist nicht nur mit der größten Volksgruppe in Deutschland vertreten, sondern spielt auch mit der Verbindung von Orient und Okzident eine zentrale Rolle in der Nahost-Politik und Demokratisierung der fundamental-islamistischen Staaten. Insofern finde ich es erstaunlich, dass wieder einmal die türkischen Gruppen unter sich bleiben und nur wenig Solidarbekundungen und deutsche Unterstützung bekommt. Die vergleichbar harmlose Einkesselung von 1000 Demonstranten der Frankfurter Blockupy Bewegung sorgte für mehr Aufregung, als die brutale Gewalt der türkischen Polizei, die zehntausende Menschen bedroht, hundertfach verletzt und sogar einige Todesfälle zu verantworten hat.

Ihr regt euch über die Willkür der Frankfurter Polizei auf? Dann nehmt das und multipliziert es mit 1000. Dann wisst ihr, was auf den Straßen in Istanbul, Ankara und Izmir gerade passiert!!!

Fotos eingebunden von http://occupygezipics.tumblr.com

UPDATE 04.06.2013: Das Foto von der Bosporus Brücke habe ich entfernt. Das ist scheinbar ein Fake und eine Aufnahme vom Istanbul Marathon.

aufschrei-sexismus-debatte-bruederle-himmelreich

Am Anfang war es nur ein Satz. Dann folgte ein Blogpost. Darauf ein Tweet. Nur wenige Stunden später wird ein Mem zu einer gesellschaftlichen Debatte im Netz. Frauen erheben ihre digitale Stimme und “schreien” ihre Erfahrungen der alltäglichen sexuellen Belästigungen und erlebte Übergriffe in die Timelines hinaus. Ein paar weitere Stunden später, ist es zum Aufhänger vieler klassischen Medien geworden, von Print bis zu TV. Eine weitere digitale Revolution, schreien da schon die einen. Nichts als heiße Luft, sagen die anderen. In mir entstand sofort das Bedürfnis ebenso laut aufzuschreien, doch dann blieb mir der #Aufschrei im Halse stecken.

Es ist ein emotionales Thema. Und so wird auch debattiert. Es hat nicht lang gedauert, bis die Schützengräben ausgehoben wurden und rhetorische Gefechtsstrategien zurecht gelegt wurden. Fällt ein falsches Wort, trifft man seine Formulierung nicht eindeutig auf den Punkt, fliegt einem die Tretmine voller Wucht von unten ums beiderlei Geschlecht. Dies ist keine Genderdebatte, hier geht es um was ernstes. Scheiß auf Puppenkram in Pink und Baggertechnik in Hellblau, auch wenn pfeifende Bauarbeiter und Püppchen im Minikleid durchaus dazu gehören.

In vino veritas, Herr Brüderle?

Der Alkohol ist doch ein echter Arsch. Erst macht er uns ein wenig locker und dann plötzlich – mit einem hochprozentigen Knall – zu wahren Zombies. Mann und Frau sind nicht mehr so recht Herr  ( <- VORSICHT! TRETMINE! ) ihrer Sinne. Glücklich können sich die schätzen, die sich bis zum Blackout gesoffen haben, denn der Day After Hangover bringt nicht nur heftige Kopfschmerzen und Übelkeit mit sich, sondern auch Erinnerungen an die SMS von letzter Nacht zurück. Dem Herrn Brüderle wird das wohl kaum in den Sinn gekommen sein, dass man ihm seine “SMS” nicht am nächsten Morgen, sondern sogar ein ganzes Jahr später auf dem politischen Silbertablett serviert, just in dem Moment, wo seine Rolle in der nächsten Bundestagswahl bekannt gegeben wurde. Es ist zwar nicht zu erwarten, dass die FDP dabei eine große Rolle spielen dürfte, aber die Chronik der Ereignisse ist doch zu offensichtlich. Das Verhalten des frisch gewählten Spitzenkandidaten gegenüber der Journalistin vom “Stern” war unangemessen. Punkt. Wer wen wie ansprach, welche genauen Worte oder Blicke fielen, ist ein intimes ( <- ACHTUNG TRETMINE! ) Erlebnis dieser beiden Menschen. Keine Kamera, keine Blitzlichter, keine Scheinwerfer. Der Rest bleibt Spekulation mit einem bitter-süßen journalistischen Beigeschmack der Auflagenzahlen.

Das Schlucken hat ein Ende, Alice!

Die allgemeine Spitzfindigkeit macht in dieser Debatte auch schnell die Formulierung aus dem Mund der Mutter aller Feministinnen zu einer der größten Tretminen, wenn man den #Aufschrei ernst nimmt. Wer sexuelle Anspielungen oder mehr anprangert, sollte in diesem Kontext vielleicht etwas sensibler sein. Aber einen guten Aufhänger sollte frau sich eben nicht entgehen lassen, wenn frau an vergangene Zeiten anknüpfen kann. Betrachtet man(n) nun die Twitterstreams der letzten Tage, ist einem aber wahrlich auch nicht zum Schlucken zumute. All diese Offenlegungen von sexuell implizierten verbalen oder körperlichen Angriffen machen mich fassungslos. Es scheint, als würde die reale Timeline einer Frau gefüllt sein mit lebenslangen Anspielungen und Übergriffen. Welche Welt herrscht da draußen? In welcher Welt leben diese Frauen? Oder sollte ich mich fragen, in welcher Welt lebe ich? Ich kenne diese Arschlöcher meines Geschlechts, die sich für den personifizierten Tropfenspender göttlichen Ausmaßes halten und dies auch so ziemlich der gesamten Milchstraße dauernd und ständig mitteilen müssen. Ich kenne Frauen, die ähnliches oder gleiches erleben mussten. Ich kenne die Chauvi-Zoten und platten Herrenwitze. Und wenn ich sie höre, möchte ich schreien: “Halt die Fresse, du Primat!” Maskuline Selbstüberschätzung, die nichts als Unsicherheit überspielt.

Die dominante Frau schwingt die Keule!

Doch dann sehe ich mit einem Mal die drohende Frauenpower-Keule, wie sie die “männliche Unreife” vom Schlachtfeld schlägt. Wer hat Angst vor der dominanten Frau? Wir Männer? Wir klammern uns ans Patriarchat fest, weil wir sonst nicht überlebensfähig wären? “Haltet eure Frauen barfuß und schwanger”, das Credo der KKK-Primaten mit Schwanz? Ach bitte, kommt mir jetzt nicht mit der maskulingeprägten Sozialisation und der männlichen Angst vor starken Frauen! Das ist genau so polemisch, wie einem Israel-Kritiker stante pede Antisemitismus vorzuwerfen. Egal, was mann sagt, es kann einem immer als Bedrohung oder Vertuschung ausgelegt werden.

Die unreife Frucht des (Miss-)Verständnisses liegt doch an beiden Seiten des Flusses, dessen Ufergrenzen leider nie so ganz klar gezeichnet sind. Wo hört der Flirt auf und wo beginnt die Belästigung? Die gleichen Worte in zwei unterschiedlichen Momenten gesprochen, können zum einen verführen und zum anderen anekeln. Die gleiche Berührung löst manchmal Erregung und manchmal Abstoßen aus. Die einen prangern die geifernden Blicke der Männer an, die anderen fordern eindeutig dazu auf.

Sex sells! Sex destroys!

Auch wenn wir uns für so zivilisiert halten, Sex ist bei uns Menschen ebenso instinktiv, wie bei dem Rest der fortpflanzungsfähigen Organismen. Durch Sex wurden Schlachten begonnen und beendet. Frauen und Männer setzten und setzen ihre Anziehungskraft bewusst ein, um etwas zu bewirken. Das kann manchmal auch politisches oder berufliches Taktieren sein. Und es kann auch einfach mal ein nur freundlicher Blick sein, der sein gegenüber nicht mit den Augen auszieht, sondern einlädt auf ein Gespräch zum Kennenlernen. Frauen sehen Männern mit dem gleichen Blick auf den Hintern oder den Schritt, wie Männer ihre Augen auf Oberkörper und Lippen richten. 

Wir scannen in Sekunden unser Gegenüber und prüfen unterbewusst die potentielle Vereinigung. Wer das verleugnet, betrachtet sich selbst ein wenig zu naiv. Sogar mit viel Selbstbeherrschung fällt es nicht leicht, den Kopf nicht kurz abzusenken, wenn das Dekolleté oder die Beine ins Blickfeld rutschen. Es ist ein Instinkt. Bei beiden Geschlechtern.

Die Ursache dieser ganzen Debatte ist doch aber nicht die Frage, wie tief ein Ausschnitt sein darf oder wie lang der Rock. Es ist die Grenzüberschreitung, der Blick, der zulange auf dem Oberkörper gerichtet ist, der unpassende Spruch zur Körbchengrößen und erst Recht der gezielte Griff danach. Es ist genauso die Abschätzigkeit innerhalb des eigenen Geschlechts, die diese Grenzen überschreitet. Es kann aber auch nicht sein, dass die Wahrnehmung derart übersensibilisiert ist und in der Diskussion so sehr polarisiert wird, so dass einem ein ernst gemeintes Kompliment zukünftig im Halse stecken bleibt, aus Angst damit bereits diese Grenze zu überschreiten.

Wer frei von Sünde ist…

Wenn wir uns das also kaputt machen lassen, von denen, die sich nicht benehmen können und von denen, die permanent von beiden Seiten die Steine über den Fluss schmeißen, dann wird es unter dem Steinhagel kaum noch jemanden geben, der sich darunter begegnen möchte. Frauen können sich wehren, wenn sie es wollen. Frauen sollen sich wehren, wenn sie es müssen. Und Männer sollten sie nicht bedrängen, sondern dabei unterstützen, wenn sie es brauchen und möchten. Fassen wir uns also bitte alle mal selbst an die Nase und reflektieren, wo wir jemanden auf gleicher Ebene begegnen und wo wir ihn oder sie aufgrund seines/ihres Geschlechts, seiner/ihrer Herkunft, seines/ihres Standes oder seiner/ihrer Ohrläppchen diskreditieren.

Es ist schon lange überfällig, dass sich die Geschlechter endlich respektieren und nicht mehr dauernd mit dem Finger aufeinander zeigen. Es ist an der Zeit, dass wir aufhören, die absolute Gleichheit zu fordern, sondern auch die Unterschiede akzeptieren. Es ist unabdingbar, dass wir stattdessen eine Gleichberechtigung schaffen, die genau das erfüllt. Das erreichen wohl weniger Gesetze, als mehr unser tägliches Handeln.

Wir brauchen bitte nicht noch mehr Feministinnen oder ewiggestrige Chauvinisten. Wir brauchen einen Konsens für echte Partnerschaft! Jetzt.

9Nov89live

23 Jahre ist es her. Als ich am 9. November 1989 morgens aus dem Bett aufschreckte, weil ich wieder mal den ersten Block verpennt habe, war das bis dahin das einzig aufregende des Tages. Vormittags Schule, nachmittags Lernen für Klausuren im Abi-Endstadium. Abends Kino mit meinem Bruder. Das war der Plan des Tages.

Auf dem Rückweg vom Kino saß ich oben im Bus Linie 49 Richtung Gatower Straße und wir standen minutenlang am Theodor-Heuss-Platz in Berlin-Charlottenburg. Ich dachte mir noch, warum fährt der Idiot von Busfahrer nicht weiter? Ich will nach Hause. Dann plötzlich ertönte die etwas unsichere Stimme des Fahrers durch die Lautsprecher: “Verehrte Fahrjäste, ick hab jerade die Info ausser Zentrale bekommen, dat die DDR die Grenzen uffjemacht hat. Die Mauer is offen und die Ossis kommen alle rüber.” Das Murmeln der wenigen Fahrgäste verstummte augenblicklich. Man sah sich gegenseitig an  mit einem Blick aus Zweifel, Verunsicherung und so etwas wie Freude. Keiner sagte ein Wort. Dann setzte sich der Bus wieder in Fahrt. Ich rannte den Weg von der Bushaltestelle zu mir nach Hause. Nix mit Smartphone damals. Kein Liveticker per Twitter. Keine Streams. Mein Sony Discman hatte nicht mal Radio.

Zuhause saßen meine Eltern bereits vor dem Fernseher und riefen mir in den Flur zu: “Das musst du sehen! Das glaubst du nicht! Die Mauer ist offen!” Ich sah die Bilder und war sprachlos. Ich sah hunderte von Menschen in seltsam blassfarbener Kleidung und noch seltsameren Frisuren in Rudeln über den Kudamm ziehen. Ich sah mir das Spektakel eine Stunde lang an, ohne viel zu sagen. Als ich im Bett lag war klar, ich scheiß auf die Schule am nächsten Tag und fahr zum Brandenburger Tor.

Breitscheidplatz zum Mauerfall

Der MDR rekapituliert heute den Tag von damals auf spannende Art und Weise. Aus der Sicht von verschiedenen Protagonisten werden via Twitter über den ganzen Tag verteilt Statusmeldungen abgeschickt, die den schicksalhaften Verlauf beinahe live (wieder) miterleben läßt. Initiator der Aktion ist Frank Rugullis, der am 9.11.89 morgens noch daran dachte, dass er am nächsten Tag bei der Volksarmee seinen Dienst antreten muss. So spiegelt sich auch seine Geschichte auf dem Twitter Account @9Nov89live entsprechend wieder:

Neben dem Alter Ego von Rugullis gibt es auch einen SEDler, einen Wachsoldat, einen Journalisten und noch verschiedene andere beispielhafte Charaktere, die den Tag in 140 Zeichen wie ein Puzzle zu einem Gesamtbild formen. Scheinbar belanglose Gedanken geben einen Einblick in den Tagesverlauf und lassen sich ein die jeweilige Welten der anderen hinein sehen.

 

 

Nach dem Meme #twitterlikeits1989 von 2009 ist dies der zweite Ansatz, einen bedeutenden Tag der deutschen Geschichte digital ins Gedächtnis zu rufen. Seit heute früh konnte der Account bereits über 1000 neue Follower dazu gewinnen. Ich bin gespannt, wie sich das bis heute Abend weiter entwickelt. Nicht nur im Sinne der Zahlen, sondern vielmehr aus historisch dokumentierender Sicht.

generation-search

Wir sind auf der Suche. Der Mensch war auch schon immer auf der Suche nach sich selbst. Große Philosophen und Denker haben in Jahrhunderten immer wieder aufs Neue die Menschen beobachtet und analysiert. Die intellektuelle Elite war damals ein kleiner Kreis und überwiegend denen vorbehalten, die Lesen und Schreiben konnte. Das Schulsystem sorgte für eine Erweiterung dieser Fertigkeiten und ermöglichte so mehr Menschen den Zugang zu Bildung und Informationen. Mehrere Epochen in der Literaturgeschichte zeichneten und prägten das Bild der jeweiligen Gesellschaft. Das geschriebene Wort war mächtig und wertvoll. Continue reading “Eigentlich suchen wir uns selbst.” »