Der #Aufschrei bleibt im Halse stecken

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28 Jan Der #Aufschrei bleibt im Halse stecken

Am Anfang war es nur ein Satz. Dann folgte ein Blogpost. Darauf ein Tweet. Nur wenige Stunden später wird ein Mem zu einer gesellschaftlichen Debatte im Netz. Frauen erheben ihre digitale Stimme und „schreien“ ihre Erfahrungen der alltäglichen sexuellen Belästigungen und erlebte Übergriffe in die Timelines hinaus. Ein paar weitere Stunden später, ist es zum Aufhänger vieler klassischen Medien geworden, von Print bis zu TV. Eine weitere digitale Revolution, schreien da schon die einen. Nichts als heiße Luft, sagen die anderen. In mir entstand sofort das Bedürfnis ebenso laut aufzuschreien, doch dann blieb mir der #Aufschrei im Halse stecken.

Es ist ein emotionales Thema. Und so wird auch debattiert. Es hat nicht lang gedauert, bis die Schützengräben ausgehoben wurden und rhetorische Gefechtsstrategien zurecht gelegt wurden. Fällt ein falsches Wort, trifft man seine Formulierung nicht eindeutig auf den Punkt, fliegt einem die Tretmine voller Wucht von unten ums beiderlei Geschlecht. Dies ist keine Genderdebatte, hier geht es um was ernstes. Scheiß auf Puppenkram in Pink und Baggertechnik in Hellblau, auch wenn pfeifende Bauarbeiter und Püppchen im Minikleid durchaus dazu gehören.

In vino veritas, Herr Brüderle?

Der Alkohol ist doch ein echter Arsch. Erst macht er uns ein wenig locker und dann plötzlich – mit einem hochprozentigen Knall – zu wahren Zombies. Mann und Frau sind nicht mehr so recht Herr  ( <- VORSICHT! TRETMINE! ) ihrer Sinne. Glücklich können sich die schätzen, die sich bis zum Blackout gesoffen haben, denn der Day After Hangover bringt nicht nur heftige Kopfschmerzen und Übelkeit mit sich, sondern auch Erinnerungen an die SMS von letzter Nacht zurück. Dem Herrn Brüderle wird das wohl kaum in den Sinn gekommen sein, dass man ihm seine „SMS“ nicht am nächsten Morgen, sondern sogar ein ganzes Jahr später auf dem politischen Silbertablett serviert, just in dem Moment, wo seine Rolle in der nächsten Bundestagswahl bekannt gegeben wurde. Es ist zwar nicht zu erwarten, dass die FDP dabei eine große Rolle spielen dürfte, aber die Chronik der Ereignisse ist doch zu offensichtlich. Das Verhalten des frisch gewählten Spitzenkandidaten gegenüber der Journalistin vom „Stern“ war unangemessen. Punkt. Wer wen wie ansprach, welche genauen Worte oder Blicke fielen, ist ein intimes ( <- ACHTUNG TRETMINE! ) Erlebnis dieser beiden Menschen. Keine Kamera, keine Blitzlichter, keine Scheinwerfer. Der Rest bleibt Spekulation mit einem bitter-süßen journalistischen Beigeschmack der Auflagenzahlen.

Das Schlucken hat ein Ende, Alice!

Die allgemeine Spitzfindigkeit macht in dieser Debatte auch schnell die Formulierung aus dem Mund der Mutter aller Feministinnen zu einer der größten Tretminen, wenn man den #Aufschrei ernst nimmt. Wer sexuelle Anspielungen oder mehr anprangert, sollte in diesem Kontext vielleicht etwas sensibler sein. Aber einen guten Aufhänger sollte frau sich eben nicht entgehen lassen, wenn frau an vergangene Zeiten anknüpfen kann. Betrachtet man(n) nun die Twitterstreams der letzten Tage, ist einem aber wahrlich auch nicht zum Schlucken zumute. All diese Offenlegungen von sexuell implizierten verbalen oder körperlichen Angriffen machen mich fassungslos. Es scheint, als würde die reale Timeline einer Frau gefüllt sein mit lebenslangen Anspielungen und Übergriffen. Welche Welt herrscht da draußen? In welcher Welt leben diese Frauen? Oder sollte ich mich fragen, in welcher Welt lebe ich? Ich kenne diese Arschlöcher meines Geschlechts, die sich für den personifizierten Tropfenspender göttlichen Ausmaßes halten und dies auch so ziemlich der gesamten Milchstraße dauernd und ständig mitteilen müssen. Ich kenne Frauen, die ähnliches oder gleiches erleben mussten. Ich kenne die Chauvi-Zoten und platten Herrenwitze. Und wenn ich sie höre, möchte ich schreien: „Halt die Fresse, du Primat!“ Maskuline Selbstüberschätzung, die nichts als Unsicherheit überspielt.

Die dominante Frau schwingt die Keule!

Doch dann sehe ich mit einem Mal die drohende Frauenpower-Keule, wie sie die „männliche Unreife“ vom Schlachtfeld schlägt. Wer hat Angst vor der dominanten Frau? Wir Männer? Wir klammern uns ans Patriarchat fest, weil wir sonst nicht überlebensfähig wären? „Haltet eure Frauen barfuß und schwanger“, das Credo der KKK-Primaten mit Schwanz? Ach bitte, kommt mir jetzt nicht mit der maskulingeprägten Sozialisation und der männlichen Angst vor starken Frauen! Das ist genau so polemisch, wie einem Israel-Kritiker stante pede Antisemitismus vorzuwerfen. Egal, was mann sagt, es kann einem immer als Bedrohung oder Vertuschung ausgelegt werden.

Die unreife Frucht des (Miss-)Verständnisses liegt doch an beiden Seiten des Flusses, dessen Ufergrenzen leider nie so ganz klar gezeichnet sind. Wo hört der Flirt auf und wo beginnt die Belästigung? Die gleichen Worte in zwei unterschiedlichen Momenten gesprochen, können zum einen verführen und zum anderen anekeln. Die gleiche Berührung löst manchmal Erregung und manchmal Abstoßen aus. Die einen prangern die geifernden Blicke der Männer an, die anderen fordern eindeutig dazu auf.

Sex sells! Sex destroys!

Auch wenn wir uns für so zivilisiert halten, Sex ist bei uns Menschen ebenso instinktiv, wie bei dem Rest der fortpflanzungsfähigen Organismen. Durch Sex wurden Schlachten begonnen und beendet. Frauen und Männer setzten und setzen ihre Anziehungskraft bewusst ein, um etwas zu bewirken. Das kann manchmal auch politisches oder berufliches Taktieren sein. Und es kann auch einfach mal ein nur freundlicher Blick sein, der sein gegenüber nicht mit den Augen auszieht, sondern einlädt auf ein Gespräch zum Kennenlernen. Frauen sehen Männern mit dem gleichen Blick auf den Hintern oder den Schritt, wie Männer ihre Augen auf Oberkörper und Lippen richten. 

Wir scannen in Sekunden unser Gegenüber und prüfen unterbewusst die potentielle Vereinigung. Wer das verleugnet, betrachtet sich selbst ein wenig zu naiv. Sogar mit viel Selbstbeherrschung fällt es nicht leicht, den Kopf nicht kurz abzusenken, wenn das Dekolleté oder die Beine ins Blickfeld rutschen. Es ist ein Instinkt. Bei beiden Geschlechtern.

Die Ursache dieser ganzen Debatte ist doch aber nicht die Frage, wie tief ein Ausschnitt sein darf oder wie lang der Rock. Es ist die Grenzüberschreitung, der Blick, der zulange auf dem Oberkörper gerichtet ist, der unpassende Spruch zur Körbchengrößen und erst Recht der gezielte Griff danach. Es ist genauso die Abschätzigkeit innerhalb des eigenen Geschlechts, die diese Grenzen überschreitet. Es kann aber auch nicht sein, dass die Wahrnehmung derart übersensibilisiert ist und in der Diskussion so sehr polarisiert wird, so dass einem ein ernst gemeintes Kompliment zukünftig im Halse stecken bleibt, aus Angst damit bereits diese Grenze zu überschreiten.

Wer frei von Sünde ist…

Wenn wir uns das also kaputt machen lassen, von denen, die sich nicht benehmen können und von denen, die permanent von beiden Seiten die Steine über den Fluss schmeißen, dann wird es unter dem Steinhagel kaum noch jemanden geben, der sich darunter begegnen möchte. Frauen können sich wehren, wenn sie es wollen. Frauen sollen sich wehren, wenn sie es müssen. Und Männer sollten sie nicht bedrängen, sondern dabei unterstützen, wenn sie es brauchen und möchten. Fassen wir uns also bitte alle mal selbst an die Nase und reflektieren, wo wir jemanden auf gleicher Ebene begegnen und wo wir ihn oder sie aufgrund seines/ihres Geschlechts, seiner/ihrer Herkunft, seines/ihres Standes oder seiner/ihrer Ohrläppchen diskreditieren.

Es ist schon lange überfällig, dass sich die Geschlechter endlich respektieren und nicht mehr dauernd mit dem Finger aufeinander zeigen. Es ist an der Zeit, dass wir aufhören, die absolute Gleichheit zu fordern, sondern auch die Unterschiede akzeptieren. Es ist unabdingbar, dass wir stattdessen eine Gleichberechtigung schaffen, die genau das erfüllt. Das erreichen wohl weniger Gesetze, als mehr unser tägliches Handeln.

Wir brauchen bitte nicht noch mehr Feministinnen oder ewiggestrige Chauvinisten. Wir brauchen einen Konsens für echte Partnerschaft! Jetzt.

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