Der elektrisierte Supermarkt – #ebf14

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22 Jun Der elektrisierte Supermarkt – #ebf14

In keiner anderen Stadt hätte die erste deutsche E-Book Messe Electric Book Fair #ebf14 passender stattfinden können, als in Berlin, wo die vielfältigste Verlagslandschaft Tür an Tür mit der international anerkannten Startup Szene arbeitet koexistiert. Christiane Frohmann, Nikola Richter, Andrea Nienhaus und Fabian Thomas machten aus der Not eine Tugend. Aus dem Gefühl heraus als reine E-Book Verlage bei traditionellen Buchmessen nicht den passenden Raum zu bekommen, wurde die Idee einer eigenen E-Book Messe zur letzten Frankfurter Buchmesse mit weiteren Beteiligten wie Leander Wattig zunächst mehr aus einer Bierlaune heraus geboren. Etwas mehr als ein halbes Jahr später lud das Konsortium tatsächlich zur 1. der Electric Book Fair nach Berlin und die digitalen Verlagsmenschen folgten dem Ruf der papierlosen Bücher. Als Veranstaltungsort wurde ein ehemaliger, zur Event Location umgebauter, Supermarkt im Bezirk Wedding gewählt. Positiv fiel die etwas andere Zusammensetzung von bekannten und neuen Gesichtern bei den Besuchern auf, was gute Chancen auf mehr Diversifikation und neue Gespräche im Plenum oder Pausengesprächen erhoffen ließ.

Das Digitale Wir der Electric Book Fair: Nikola Richter, Christiane Frohmann, Fabian Thomas und Andrea Nienhaus (v. l.)

Key Note von Richard Nash: Scatter, Adapt and Remember

Mit der inspirierenden Key Note von Richard Nash ganz ohne Google-Glass-Attitüde unterstrich die #ebf14 gleich zu Anfang den eigenen Anspruch der globalen Vernetzung und ließ per Skype Video Call den Gründer zahlreicher Indie Publishing Startups und renommierten Verlagsberater aus New York  zu einem neugierigem Publikum in Berlin seine Gedanken zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Kulturbetriebes vortragen. Mit einem einführenden Exkurs vom ersten Buchladen der Welt über den Penguincubator hin zum aktuellen Zeitungssterben wagte Nash einen Blick nach vorn. Gerade für digitale Veröffentlichungen sehe er viel mehr Möglichkeiten im Vergleich zum gedruckten Buch, dass mehr oder weniger nur zwischen Hardcover und Paperback unterscheidet. Auch Nash nahm Bezug auf den Trend der Quantified Self Technologie, riet aber dabei dazu, den Mehrwert für den Leser/Kunden im Fokus zu behalten und nicht die Anreicherung von Big Data für die Verlage. Offen blieb leider die Validität der durchschnittlichen Lesezeiten, die nach seinen Angaben immer hin mit jeweils ⅓ auf bis zu 15 Min. und 15-60 Min. pro Tag recht hoch ausfielen, sollte sich das lediglich auf Lesen von Büchern im weitesten Sinne beschränken.

Digitaler Einheitsmarkt und Echtzeit-Publishing

Durch die räumlichen Bedingungen der Location war ein Wechsel zwischen den parallel stattfindenden Panels recht einfach, wenn auch sich die gemeinsame Akustik durch die direkte Nähe leider in einem gegenseitigem Dauerwettkampf befand. Oft verlor das Electric Cafe mit den kleineren Tischgesprächen gegenüber der voluminöseren Technik des Hauptraumes. So bot sich aber die Möglichkeit sowohl die Podiumsdiskussion um die europäischen Marktbedingungen im ePublishing, als auch Momente des Verlegens in Echtzeit mit Susanne Eiswirt von newthinking zu verfolgen. Letztere berichtete von dem schnellsten E-Book der Welt, welches von Nachwuchsjournalisten der Deutschen Journalistenschule (DJS) Henri-Nannen-Schule während der re:publica innerhalb eines Tages geschrieben, lektoriert und als ePub gesetzt wurde.

E-Book Marketing bleibt ein Rätsel

Es mag sicher der knappen Zeit geschuldet sein, dass Charlotte Reimann in nur 30 Min. die erwartungsfrohen Zuhörer mit dem heiligen Gral des E-Book Marketings zu erleuchten versuchte, aber nicht mehr als Basis-Tipps in einer 10. Punkte Liste (mit nur 9. Punkten) auf dem Whiteboard manifestieren konnte. Dies wäre sicher deutlich erkenntnisreicher gewesen, wenn man diesem Thema der offenbar großen Nachfrage folgend etwas mehr Raum und Zeit gegönnt hätte, damit es über SEO, Microsites und Fan Community Aufbau hinaus geht. Der Bereich ASO (App Store Optimization) beispielsweise dürfte für viele noch vollkommen unbekannt sein, ebenso wie Digital Campaigning und Cross Media Storytelling aus Marketing Sicht. So blieb es dann leider doch ein Buch mit sieben Siegeln.

Update 23.06.2014: Charlotte Reimann hat auf ihrem Blog die 10 Punkte für erfolgreiches E-Book-Marketing dokumentiert und etwas ausführlicher beschrieben, als sie die Möglichkeit auf der EBF hatte. Ein guter Einstieg mit der klaren Aufforderung an alle jederzeit gern zu ergänzen.

Egomaner Macho-Verleger als Archetyp der Amazon-Ära

Eines muss man Jürgen Schulze vom Null Papier Verlag lassen. Er steht zur seinem einzigen Ziel der Profitoptimierung. Egal wie. Egal was. Egal wo. Hauptsache verkaufen. Und dabei so billig wie möglich. Mit erschütterter Faszination hörte sich das Publikum seine Geschichte vom Tellerwäscher-zum-Millionär-Verleger an, der mit Neuauflagen von gemeinfreien Büchern zu 99 Ct. sowohl seinen Lebensunterhalt als auch seinen Paris Aufenthalt finanzieren kann. Die digitale Bohème der Literaturwelt traf auf ihr bezoeskes Spiegelzerrbild mit Bierflasche in der Hand auf dem Podium, dessen seelenloses Vertriebsmodell sich nicht mal dem Vorwurf der Billigware gefallen lassen muss. Denn Schulze veröffentlicht u.a. die vollständige Sammlung von Sir Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes ebenso wie Grimms Märchen und Dostojewski.

Big Meta Data und die German Angst

Es begann alles vielversprechend. René Kohl stellte die Zusammenhänge und Möglichkeiten von Big Data durch standardisierte Meta Daten für Context und Content dar. Sandra Schüssel erläuterte die Ziele der VLB+ Initiative, die das Bedürfnis nach einer erweiterten Anreicherung der Verschlagwortung der übergreifenden Datenbank aufgreifen würde. Und Georg Rehm zog einen kurzen Querschnitt durch die Bedeutung von Big Data bei der Auswertung von gesprochener und geschriebener Sprache. Als dann die erste Frage des Moderators Christian Damke zum Thema Datenschutz bei der Erfassung von Big Date abzielte, verlor die Diskussion etwas ihren Reiz und verstrickte sich in bekannte die Privacy-Debatte. Warum muss dieser Teil der Datenerfassung immer als erstes ins Spiel kommen? Wie sollen da noch fruchtbare Ideen entstehen, wenn jede Inspiration durch die German Angst im Keim erstickt wird? Schade eigentlich.

Lesen im 21. Jahrhundert hat was mit Schreiben zu tun

Nach Richard Nash war sicher der spannendste Vortrag „Lesen im 21. Jahrhundert“ mit der ehemaligen Hanser-Berlin Verlegerin Elisabeth Ruge und Zukunftsbeobachter Johannes Kleske von Third Wave Berlin. Eine Konstellation wie sie unterschiedlicher nicht sein könnte, aber sich genau deswegen so unglaublich gut ergänzt. Literarische Exzellenz trifft auf Digitale Expertise. Was folgte, war beinahe schon ein Duett aus metaphysischer Betrachtung des Lesens und dessen Wandel in unserer technologisierten Welt. Die präsentierten Thesen dieses ungleichen Paares waren für mich persönlich nicht ganz neu, aber endlich wurden während einer Branchenveranstaltung Ansätze auf einem echten Zukunftsniveau diskutiert.

Das digitale Bücherregal bleibt ein Yeti

Zu guter letzt war man noch auf der Suche nach der Lösung, digitale Inhalte irgendwie sichtbar zu machen. Zoe Beck im Gespräch mit Tomke Marie Dünnhaupt und Leif Greinus von Voland & Quist, sowie Dorothee Werner vom Börsenverein, verloren sich aber zu schnell in die Buchhandelsdebatte elektronischer Bücher, so dass sich auch in der Diskussion mit den Zuhörern keine wirklichen Fortschritte ableiten ließen und das digitale Bücherregal sich als Yeti der Buchbranche weiterhin im Verborgenen hält. Jeder hat von der Existenz gehört, manch einer will es sogar schon gesehen haben, aber es bleibt eine Legende. Um so erfreulicher ist die Initiative des BOEV mit der Manege Digital auf der Frankfurter Buchmesse 2014 diese Suche der Öffentlichkeit zu übergeben und als Crowdsourcing Projekt den „Forschern“ aus völlig anderen Bereichen wie Architektur, Design und Kunst die Jagd nach dem Yeti zu ermöglichen.

Electric Book Fair 2014 #ebf14 ist ein Anfang

Alles in allem war es definitiv ein richtiger Schritt, eine Messe für digitale Bücher zu starten und sich dem offenen Diskurs zu stellen. Ich bewundere den Mut und den Idealismus der Veranstalter und bin dankbar für die wichtige Tendenz, sich zu öffnen und auch etwas Neuem einen Raum zu schaffen. Johannes Kleske, Richard Nash und verschiedene Einzelgespräche mit Absolventen der angewandten Literaturwissenschaften haben für mich diesen Tag mit Motivation und Inspiration gefüllt. Für die Zukunft würde ich mir noch mehr Anregungen von außen wünschen und z.B. branchenferne Digital Agenturen oder Startups miteinbeziehen, damit sich durch qualitativen Austausch neue Perspektiven außerhalb der festgefahrenen Denkweisen ergeben und wirkliche Innovationen geschaffen werden können.

1Comment
  • Charlotte Reimann
    Posted at 18:01h, 23 Juni

    Cooler Blog und danke für diese Zusammenfassung. Aus meiner Sicht war die halbe Stunde im Electric Café mit Jürgen Siebert von http://www.fontblog.de/ besonders inspirierend. Du hast mich allerdings neugierig gemacht, gern würde ich mehr von deinen Erfahrungen im Bereich ASO und Digital Campaigning hören/lesen!

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