Eigentlich suchen wir uns selbst.

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02 Okt Eigentlich suchen wir uns selbst.

Wir sind auf der Suche. Der Mensch war auch schon immer auf der Suche nach sich selbst. Große Philosophen und Denker haben in Jahrhunderten immer wieder aufs Neue die Menschen beobachtet und analysiert. Die intellektuelle Elite war damals ein kleiner Kreis und überwiegend denen vorbehalten, die Lesen und Schreiben konnte. Das Schulsystem sorgte für eine Erweiterung dieser Fertigkeiten und ermöglichte so mehr Menschen den Zugang zu Bildung und Informationen. Mehrere Epochen in der Literaturgeschichte zeichneten und prägten das Bild der jeweiligen Gesellschaft. Das geschriebene Wort war mächtig und wertvoll.

Wenn man es genauer betrachtet, sind die Bestseller-Listen der letzten Jahre auch nur ein Symptom unserer Zeit. Ok, das sind sie immer, aber solche Listen sind im Vergleich zur Buchgeschichte ein Phänomen der Neuzeit. Geschaffen von Medienkonzernen, um eine Wertigkeit auszudrücken und damit Begehrlichkeit zu schaffen. Vordergründig wirkt es als Empfehlung, als Erleichterung bei der Entscheidung, die uns Zeit spart. „Kunden, die dieses Buch gekauft haben, haben auch diese Bücher gekauft.“ Ein Versandhaus nimmt uns an die Hand und sagt uns, was wir lesen kaufen sollen. Hey, das ist doch ein netter Zug. Toller Service. Doch inwieweit machen wir uns dabei wirklich eine eigene Meinung zu den Dingen, die wir uns empfehlen lassen? Schließlich will man dazu gehören. Niemand will den Anschluß verpassen oder allein in der (Schulhof-)Ecke stehen. Wenn so viele Leute Pitbull cool finden, dann muss ich das auch!

Was sagen die Bestseller über uns aus? Wir lieben es gefesselt und gepeitscht zu werden? Wir sind alles Voyeure, die mit morbider Faszination Mordserien lieber aus sicherer Distanz folgen? Wir sind alles Elfen und Drachenreiter? Wir sind Männer, die keine sind? Wir sind Frauen, die wie Männer sein wollen?

Bücher sollen uns entführen in andere Welten, um die eigene für einen Moment zu vergessen verlassen. Sie sollen inspirieren und die Fantasie anregen. Absolut. Doch wieviel Wert steckt noch darin, wenn nach dem Erfolg eines Buches ganze Massen von Adaptionen ein Genre völlig überschwemmen? Wir ertrinken seit Jahren in Schweden-Krimis und ich bin sicher, der Soft-Sado-Maso-Tsunami ist bereits im anrollen.

Wir beginnen uns auf die Technik zu verlassen und verlieren unsere Fähigkeit der eigenen Meinungsbildung. Wir sind maßlos überfordert mit der Fülle an Informationen. Wir können sie nicht mehr verarbeiten und verlassen uns demnach auf Maschinen und Algorithmen, die uns scheinbar geben, was wir suchen. Doch was suchen wir eigentlich? Ist Google auch das Mehrzweck-Tool, um uns selbst zu finden?

Die erlernte Fähigkeit des Lesens und Schreibens gekoppelt mit der technischen Möglichkeit des Publizierens für jedermann/-frau zeugt mittlerweile von einem ungeahnten Mitteilungsbedürfnis. In unzähligen Blogs lassen sich dabei die Desorientierung und Desillusionierung nachlesen. Vieles davon ist einfühlsam, selbstkritisch, reflektierend, aber auch meist ohne Antworten auf die eigenen Fragen. Wir wissen nicht, wer wir sind und müssen es deshalb jedem mitteilen in der Hoffnung, dass jemand eine Antwort hat. Es sind stille Zeugen unserer Zeit.

Es ist daher wenig verwunderlich, dass deshalb aus Bloggern auch Autoren werden. Self-Publishing lautet das Zauberwort der Moderne. Ich schreibe, also bin ich. Wir teilen unsere Erlebnisse und unsere Gedanken mit der Öffentlichkeit. Wir wollen gehört werden. Wir wollen gesehen werden. Wir befürchten, unterzugehen in der Flut an Informationen und Medien. Deshalb schrei(b)en wir es aus uns heraus. Wir können und wollen alles, aber wissen nicht, womit wir anfangen sollen.

Bosch beschrieb es sehr passend, in dem er sagte:

Wir sind die Generation Einzelschicksal. Dabei wollen wir eigentlich nur eines sein: die Generation Generationsbuchautor.

Wir suchen eine Definition für uns selbst. Wir brauchen einen Rahmen, der uns wieder Halt gibt. Und um dem ganzen auch ein tolles Buzz-Word zu geben, weil das ja auch sehr zeitgemäß ist, könnte man sagen, wir leben in der „Generation Search“.

Doch die Antworten auf diese Fragen hat Google nun mal nicht. Und so fühlen wir uns im Stich gelassen, weil wir als Digital Natives doch immer in einer Suchmaschine unser Ergebnis zu finden glauben.

 

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