Hate Poetry: Wo das Lachen fast im Halse stecken bleibt

2-jahre-hate-poetry

04 Feb Hate Poetry: Wo das Lachen fast im Halse stecken bleibt

Poetry Slam kennt man seit langem. Poetry Spam seit der re:publica 2012 auch. Aber Hate Poetry? Wie kann Hass poetisch werden? Nehmen wir den Begriff der Poesie mal nicht so wörtlich und nutzen es als Träger für einen künstlerischen Vortrag, um Hasstiraden und persönliche Beleidigungen mit einer gehörigen Portion Galgenhumor öffentlich zu machen. So dachte es sich zumindest Ebru Taşdemir vor zwei Jahren, als sie ihres Zeichens freie taz-Autorin und Journalistin sich genau mit diesen Dingen nahezu täglich rumschlagen musste: Leserbriefe, Kommentare auf Blogs, Twitter und Facebook.

Doch die Rede ist nicht von den normalen Leserantworten auf ihre veröffentlichten Artikel, sondern die bitter-bösen und tatsächlich meistens weit unter der Gürtellinie beleidigenden Schreibwerke aufgebrachter Leser/-innen. Schnell stellte sich heraus, dass sie kein Einzelfall war und auch viele ihrer Kollegen/-innen sich mit sehr Ähnlichem rumschlagen mussten.

Der Hass als Spiel-Show

Wie soll man also damit umgehen, wenn man als „islamistische Fotze“, „Drecksmohammedaner“, „anatolische Gebährmaschine“ oder schlimmeres beschimpft wird? Es entstand die Idee für Hate Poetry. Gemeinsam mit anderen Journalistinnen und Journalisten sammeln sie ihre „liebsten“ Leserbriefe und tragen diese vor Publikum auf einzigartig unterhaltende Weise vor.

Die Vortragenden sind ein festes Team, deren Konstellation sich durchaus abwechseln kann, bestehend aus Mely Kiyak (PUBLIZISTIN und AUTORIN), Özlem Gezer (Redakteurin DER SPIEGEL), Özlem Topcu (Redakteurin DIE ZEIT), Yassin Musharbash (Redakteur SPIEGEL ONLINE und DIE ZEIT) und Deniz Yücel (Redakteur TAZ). Moderiert wird meist von Doris Akrap (Redakteurin taz, die Tageszeitung).

Das Format ist nicht neu. Nur werden mit Ironie und Sprachwitz selbst die krassesten Texte wie in einer populären Game Show zum echten Entertainment. In vier Kategorien des Hasses werden der Reihe nach E-Mails, Briefe, Tweets und Kommentare vorgelesen:

„Sehr geehrter Herr Arschloch, Sehr geehrte Frau Fotze“
Abo-Kündigung
Die große Oper
Kurz und schmerzlos

Im Anschluß stimmen die Zuschauer mittels tosendem Applaus jeweils für die Gewinner jeder Kategorie ab und ein kleiner Preis wird demjenigen überreicht, der den hasserfülltesten Kommentar oder Leserbrief vorgetragen hat.

Armes Deutschland…

…ist sicher eines der meisten verwendeten Floskeln dieser Texte, in denen in Deutschland geborenen Redakteuren namhafter Nachrichtenmedien aufgrund  ihrer Herkunft nicht nur die Fähigkeit des journalistischen Arbeitens abgesprochen werden, sondern sogar die des Lesen und Schreibens an sich. Journalistinnen mit türkischen Namen werden in aller(un)feinster patriarchalischer Manier in die Küchen und Schlafzimmer geschimpft, weil sie „anstatt so islamfreundlichen Dreck zu verbreiten, besser das täten, was ihre Männer ihnen befehlen würden: Essen kochen und die Beine breit machen.“ Die Breite der Leserkommentare ersteckt sich dabei durch alle Alters-, Geschlechts-, Religions-, Herkunfts- und Gesellschaftsdemografien. Und dabei darf man nicht vergessen, dass wir hier von den Vorzeigeblätter der deutschen Presse sprechen und nicht den Boulevards.

Sehr oft fragt man sich auch beim Zuhören, wie Menschen so etwas ernsthaft schreiben können. Man hofft nicht nur einmal auf den Moment, wo die Moderatorin sagt: „Das war alles nur Spaß! Wir haben all diese Briefe erfunden.“ Doch sie sagt es nicht. Niemals. Es ist alles wahr und damit ein Spiegel unserer Gesellschaft, so bitter das klingt. Aber (fast) alle diese Menschen sind wahlberechtigt und wir begegnen ihnen jeden Tag auf der Straße, in der U-Bahn oder bei der Arbeit.

Nur zuletzt durch die gleichermaßen Leid- und Vortragenden auf der Bühne der Hate Poetry ist diese geballte Form des Hasses tatsächlich auszuhalten, sogar ohne Frage ausgesprochen unterhaltsam. Ich wusste nur nie genau, ob ich über die grenzenlose Dummheit oder die unfassbare Ignoranz der Menschen lachen muss. Doch oft am Abend blieb mir das Lachen auch im Halse stecken.

Yalnız değilsiniz!

Am Ende einer Hate Poetry hält immer Yassin Musharbash ein kurzes Outro und ganz kurz wird es stiller. Jedem im Raum wird klar, dass trotz des vielen Lachens bei allem sehr viel Ernsthaftes dahinter steckt. Diese Journalisten müssen sich jeden Tag damit auseinander setzen. Sie bekommen hunderte dieser Briefe auf jeden Artikel, den sie veröffentlichen. Durch Hate Poetry fühlen sie sich nicht mehr allein, denn sie teilen den Hass mit anderen und bekommen so den Mut, niemals mit dem Schreiben aufzuhören:

Wir ziehen uns diese Scheisse nicht mehr alleine rein. Wir schicken sie zurück in die Umlaufbahn!“

Danke Ebru für diese großartige Idee! Danke Özlem, Mely, Doris, Deniz und Yassin für eure wichtigen Artikel und eurer Kraft euch von solchen Spackos nicht unterkriegen zu lassen! Ihr seid nicht allein. Yalnız değilsiniz.

No Comments

Post A Comment