Integrare heißt Erneuern.

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21 Sep Integrare heißt Erneuern.

Ich bin kein Theatermensch. Mich nerven die überzogenen Interpretationen der modernen Aufführungen, die in einem unverständlichen Wettbewerb von Abstraktionen und Übertreibungen immer noch eins drauf setzen müssen, nur damit es noch außergewöhnlicher, noch spektakulärer oder noch polarisierender wirkt. Ich brauche keine blutverschmierten Bühnenbilder oder drastische Darstellungen von Gewalt auf der Bühne. Ich brauche keine neurotischen und debilen Charaktere, um zu begreifen, wie es in der Welt aussieht. Schließlich lebe ich in dieser Welt.

Ich mag das gesprochene Wort. Ich mag Shakespeare. Ich mag Romeo und Julia und die Verse von Cyrano de Bergerac. Ich möchte in das Gespielte reingezogen werden. Ich möchte inspiriert und nicht vor den Kopf gestoßen werden. Ich möchte eine Botschaft, die mich beschäftigt, die mich zu Gedanken anregt.

Deswegen bin ich kein Theatermensch. Nicht mehr.

Und nun hat es ein aktuelles Stück geschafft, mir das zurück zu geben, was ich in einem Theater suche.

Seit gestern läuft in dem sehr kleinen Theater unterm Dach in Berlin Prenzlauer Berg die Darstellung zu einem Thema, dass zeitgemäßer gar nicht sein kann: Integration. Dabei nimmt sich das Stück selbst und auch die Thematik auf die Schippe und vollführt so einen genialen Bogenschlag, der am Ende die Zuschauer mit ihren eigenen Gedanken wieder in die Welt schickt.

Integration stammt in seinem Ursprung von lat. integrare und bedeutet „wiederherstellen, ergänzen“. Doch hat diese Bedeutung scheinbar hierzulande niemand richtig verstanden, denn der gängige Kontext dieses Wortes wird eher mit „eingliedern“ oder „einfügen“ gleichgesetzt. Ein Dauerthema, dass zäh wie Kaugummi immer wieder durch alle Medien getrieben wird und niemand eine Lösung dafür zu finden scheint. Sprachkurse und Einbürgerungstests sollen die Migrantenspreu vom Weizen trennen. Interkulturelle Veranstaltungen sollen zusammen bringen, was zusammen gehört. Engagierte Gutmenschen spielen Mentoren für weniger privilegierte Randgruppen. Und doch ist das versteckte Vorurteil, das populistische Klischee, der subtile Vorwurf allgegenwärtig. Selbst bei denen, die sich für weltoffen und engagiert halten.

„INTEGRARE heißt Erneuern“ lautet der Titel dieses Episodenstücks von Reto Kamberger und zeigt in abwechslungsreichem Tempo die Dialoge zwischen 4 Personen: Ein Westberliner, eine Ossi, eine Schwäbin und ein Türke. Es beleuchtet vier Sichtweisen auf die deutsche Gesellschaft und läßt die Zuschauer dadurch intensiv die jeweilige Perspektive der Protagonisten nachempfinden.

Der orientierungs- und antriebslose Westberliner, der sich aus seiner Apathie nicht befreien kann, weil er an einem Überangebot von Möglichkeiten leidet. Die emanzipierte Ossi-Frau, die seit den 80ern die Schuldgefühle von Fluchtgedanken mit sich trägt und doch in ewiger Ostalgie verharrt. Die zielstrebige Schwäbin, die sich nichts mehr wünscht als Gemeinsamkeit, aber niemanden beteiligen kann. Der stolze Türke, der sich mittlerweile frustriert jeder weiteren Form des Integrationsdrucks entzieht und sich lauthals weigert, Schiller zu zitieren.

Es ist ein humorvolles und intelligentes Spiel mit Klischees und Vorurteilen. Jeder beschuldigt den anderen, Schuld an dem eigenen Dilemma zu sein. Und trotz allen Vorwürfen hat jeder ein lobendes Wort für den anderen. Die Deutschen singen türkische Volkslieder, der Türke singt „Kein schöner Land“. Es wird aus Linie 1 ebenso zitiert, wie aus sozialistischem Volksgut. DDR-FKK trifft auf schwäbischen Perfektionismus. Die West-Berliner Arroganz wird vom türkischen Selbstvertrauen überrannt.

So wie die Schauspieler ihre Rollen wechseln, um den eigenen Blick über den Tellerrand zu erweitern, so wird auch der Zuschauer in diese Wechsel einbezogen. Die Authentizität der erzählten Lebensgeschichten erzeugt eine Nähe, die die Grenze zwischen Publikum und Bühne verschwimmen läßt. Man erkennt sich wieder in jedem der vier Charaktere, denn irgendwie steckt in jedem von uns ein Teil dieser vier Lebensgeschichten.

Mit verschiedenen gestalterischen Mitteln und wechselndem Tempo begeistert das Stück kurzweilig und hallt nachhaltig im Echo der eigenen Gedanken nach. Auf faszinierende Art und Weise schaffen es die vorgetragenen Klischees die eigenen in Frage zu stellen, so dass schließlich die Auflösung des Stücks im Grunde bei den Zuschauern selbst geschieht.

Ein kleines, aber sehr feines Stück, gespielt von engagierten Schauspielern, das nicht nur zu empfehlen ist, sondern eine Pflicht für alle ist, die sich selbst für vorurteilsfrei halten.

„INTEGRARE heißt Erneuern.“

Theater unterm Dach
Danziger Straße 101 / Haus 103, 10405 Berlin

Spielzeiten:
Do
20.09., 20 Uhr
Fr 21.09., 20 Uhr
Sa 22.09., 20 Uhr
So 23.09., 20 Uhr

Schauspieler:
Anna Dietrich, Marlies Ludwig, Ali Yigit, Tobias Kaufhold

Regie:
Reto Kamberger

 

1Comment
  • Agentur für Anerkennung
    Posted at 15:25h, 31 Mai

    […] Es ist ein humorvolles und intelligentes Spiel mit Klischees und Vorurteilen. Jeder beschuldigt den anderen, Schuld an dem eigenen Dilemma zu haben. Und trotz allen Vorwürfen hat jeder ein lobendes Wort für den anderen. Die Deutschen singen türkische Volkslieder, der Türke singt “Kein schöner Land”. Dabei nimmt sich das Stück selbst auf die Schippe und vollführt so einen genialen Bogenschlag, der am Ende die Zuschauer mit ihren eigenen Gedanken wieder in die Welt schickt. So wie die Schauspieler ihre Rollen wechseln, um den eigenen Blick über den Tellerrand zu erweitern, so wird auch der Zuschauer in diese Wechsel einbezogen. Die Authentizität der erzählten Lebensgeschichten erzeugt eine Nähe, die die Grenze zwischen Publikum und Bühne verschwimmen lässt. Man erkennt sich wieder in jedem der vier Charaktere. Mit verschiedenen gestalterischen Mitteln und wechselndem Tempo begeistert das Stück kurzweilig und hallt nachhaltig im Echo der eigenen Gedanken nach.
    Auf faszinierende Art und Weise schaffen es die vorgetragenen Klischees die eigenen in Frage zu stellen, so dass schließlich die Auflösung des Stücks im Grunde bei den Zuschauern selbst geschieht. Ein kleines, aber sehr feines Stück, gespielt von engagierten Schauspielern, das nicht nur zu empfehlen ist, sondern eine Pflicht für alle ist, die sich frei von Vorurteilen betrachten. kaipiranha.de […]

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