Kreuzberg ist nicht Taksim.

Davide-Mortello-Berlin-Oranienplatz

03 Jul Kreuzberg ist nicht Taksim.

Seit über einen Monat gehen Tausende von Menschen in der Türkei auf die Straße, um für mehr Freiheit und Demokratie zu kämpfen. Gestern Abend wurde in Berlin zu einem Solidaritäts-Flashmob am Oranienplatz aufgerufen, bei dem der Pianist Davide Mortello ein spontanes Konzert gab. Davide Mortello hatte vor zwei Wochen auf dem Taksim Platz in Istanbul für große Aufmerksamkeit gesorgt, als er in mitten der Protestbewegung seinen Flügel zwischen den Fronten von Polizei und Demonstranten aufstellte und begann darauf zu spielen. Für einen Moment kehrte Frieden auf diesem tagelang umkämpften Platz ein. Polizisten ließen die Gasgewehre und Wasserwerfer ruhen. Demonstranten skandierten keine Parolen. Die Bilder gingen um die Welt und Davide Mortello war über Nacht zu einem Symbol der Freiheit und des friedlichen Protestes geworden.

Diesen Geist wollten die Organisatoren des Flashmobs auf dem Oranienplatz nach Berlin holen, doch auf mich wirkte es eher verkrampft und hinterließ einen Beigeschmack einer Promo-Tour des Pianisten, der auch durch die Offerten der eigenen CDs des Künstlers vor dem Klavier noch verstärkt wurde. Auch das Abbild der Türkischen Nationalflagge und die Signatur Kemal Atatürks auf dem Flügel wurde im Publikum zwiespältig betrachtet.

Alles für die Schlagzeile?

Als ich auf dem Oranienplatz ankam, hatte ich den Eindruck als würde Chris Martin eine Secret Show mitten in Kreuzberg geben, zumindest in Anbetracht des Presserummels. Das Klavier war vor lauter Pressefotografen kaum zu sehen und zum Teil gingen diese nicht unbedingt freundlich mit denen um, die nur wegen der Musik gekommen waren. Man überschlug sich gerade zu mit DEM Foto des Abends, als stünde Davide Mortello auf dem roten Teppich bei der Berlinale. Ich fragte mich, wo diese ganzen Journalisten gewesen sind, als im türkischen Fernsehen Pinguine statt Wasserwerfer gezeigt wurden.

Um selbst diese skurile Szenerie festzuhalten, stieg ich auf den kleinen Brunnen am Platz, wo mehrere Kinder freudig mit dem Wasser spielten. Einer der der Fotografen hatte diesen strategisch guten Platz offenbar auch erkannt und drängte sich ebenfalls nach oben. Nur war sein Blick auch hier „gestört“ durch Teilnehmer der Veranstaltung. Mehrfach forderte der Fotograf die Menschen in seiner Blicklinie auf, doch mal endlich aus dem Weg zu gehen, damit er ein Foto machen könne. Da die Musik und der allgemeine Trubel um den Pianisten jedoch recht lautstark war, nahm ihn niemand zur Kenntnis. Darauf hin wurde sein Ton schroffer und er rief lautstark über den Platz. Als ich ihn ansprach, ob er sich seines rüden Tones bewusst sei und ob das nicht etwas freundlicher ginge, schließlich sei dies eine friedliche Protestaktion, maulte er mich nur an: „Ich hab’s denen jetzt schon oft genug gesagt, dass ich hier Fotos machen will!“ Auf meine Frage, inwieweit Journalisten und insbesondere Fotografen sich vielleicht eher beobachtend in so einer Situation verhalten sollten, anstatt auf die Next-Big-Thing-Schlagzeile zu hoffen, bekam ich nur ein schnippisches: „Wenn nicht für die Schlagzeile, wofür dann?“ und schubste dabei eines der Kinder beinahe in den Brunnen, um seinen Fokus noch besser ausrichten zu können. Qualitätsjournalismus Galore!

Her Yer Taksim?

Letztendlich ist Davide Mortello durchaus ein talentierter Pianist und wahrscheinlich auch ein netter Kerl. Aber er ist eben nicht Chris Martin. Ich fand den Gedanken eines Solidaritätskonzertes in Berlin toll und unterstützenswert. Doch es hat sich das gezeigt, was ich auch bereits sein Beginn der Proteste in Istanbul hier erlebe. Es interessiert kaum einen. Und so kamen auch trotz Ankündigung im Berliner Tagesspiegel leider nicht Tausende wie am Taksim Platz, sondern nur ein paar Hundert, von denen einige wahrscheinlich nicht mal den Hintergrund der Aktion kannten und nur dachten: „Oh, da spielt einer Klavier. Wie schön!“ zwischendurch riefen einige den linken Kampfspruch längst vergangener Zeiten: Hoch die internationale Solidarität! Auch die Rufe der Parolen aus Istanbul „Her Yer Taksim! Her Yer Direniş!“ (Taksim ist überall! Überall ist Widerstand!) verstummten recht schnell wieder. Kreuzberg ist eben nicht Taksim. Leider. Und irgendwie auch zum Glück. Ich bin mir nicht sicher, wie die hiesige Bevölkerung reagieren würde, wenn ihre Regierung den Staat Stück für Stück, still und leise alles in Richtung vollständiger Überwachung, Einschränkung des Demonstrationsrechtes und Medienkontrolle drücken würde. Moment, ach nein. Das haben wir ja schon.

Naja, es scheint ja keinen weiter zu stören, solange wir am Roten Meer tauchen gehen, in Bodrum den Döner am Strand essen und uns am Balaton den Unicum reingießen können. Snowden? Prism? Tempora? Kriminalisierung der Homosexuellen in Russland? Verarmung in Brasilien und Griechenland? Bad Banks? Milliardenverschuldung? Neues Telekommunukationsgesetz in Deutschland? Refugee Camp seit letztem Jahr auf dem Oranienplatz? Pfff. Zum Partisanenschlager „Bella Ciao“ kann man endlich wenigstens mitklatschen und fühlt sich dabei mal so richtig als Aktivist.

A propos Brasilien. Wann ist eigentlich wieder Fussball WM? Dann hängen wir wieder unsere Fahnen an die Autos, fahren in Autokorsos zu Tausenden durch die Straßen und sind Deutsch, ein Stolzer zu sein. Glückwunsch!

 

1Comment
  • Maximilian
    Posted at 11:19h, 05 August

    Ein sehr schöner Artikel. Macht einen nachdenklich. Mehr kann man von einem Blogeintrag nicht erwarten.
    Danke schön.

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