LOG.OS Kickoff Konferenz: Gute Gedanken und offene Fragen

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03 Feb LOG.OS Kickoff Konferenz: Gute Gedanken und offene Fragen

Vergangenen Samstag fand in Berlin die Kickoff Konferenz von LOG.OS statt. Das Projektteam mit Katja Splichal, Volker Oppmann und Marcel Diel stellten in der Akademie der Künste das neue „Betriebssystem für digitales Lesen“ vor und luden verschiedene Vertreter der Verlagsbranche von Autoren über Verlegern bis zu Pressesprechern und Digital-Verantwortlichen zu einem konstruktiv-kritischen Austausch ein. LOG.OS geistert bereits seit mehreren Monaten durch meine diversen Timelines, doch war die bisher recht kryptische Storyline für mich wenig greifbar. Es wirkte auf mich bisher immer etwas nerdy von einem neuen Betriebssystem zu sprechen und auch der Projektname LOG.OS ist nicht gerade selbsterklärend. Insofern war ich sehr neugierig auf die Vorstellung und die Ziele von LOG.OS, das bereits im Blog der Frankfurter Buchmesse 2013 angekündigt wurde mit „Wie Amazon. Nur in gut.“

Die Kontrolle der eigenen Daten

Volker Oppmann begann am Vormittag in seiner Keynote zunächst sehr ausführlich die Motivation des Projektes und die Notwendigkeit eines Perspektivwechsels auf die Art herzuleiten, was Lesen im Zeitalter der Digitalisierung heutzutage bedeutet. Für die knapp 100 Teilnehmer dürfte das zwar (hoffentlich) nicht alles neu gewesen sein, aber durchaus richtig und wichtig, um den Einstieg in LOG.OS vorzubereiten. Die Monopolisierung findet schließlich nicht nur im Vertrieb statt, sondern durch die proprietären Systeme der Groß-Konzerne wie Amazon, Apple, Facebook und Google auch bei der Sammlung von Daten. Die Tatsache, dass wir E-Books dort nicht materiell beziehen, sondern nur ein Nutzungsrecht erhalten, war für die Anwesenden weitgehend bekannt. Aber die wenigsten Leser dürften darüber gleichermaßen aufgeklärt sein. Dies war der Anlass, um über etwas nachzudenken, was den Kunden und Lesern wieder die Kontrolle über eigene Daten und Dateien zurück geben soll.

Die 6 Seiten von LOG.OS

Im Produktions- und Konsumprozess eines Werkes wie ein Buch sind verschiedene Protagonisten eingebunden, die mit unterschiedlichen Perspektiven und Zielen agieren. LOG.OS  möchte all diese Protagonisten gleichermaßen einbinden und beteiligen. Marcel Diel wies darauf hin, dass im Detail sicher mehr Gruppen berücksichtigt werden könnten, aber um im ersten Schritt die ohnehin hohe Komplexität nicht noch mehr zu erhöhen, beschränkte man sich auf sechs Hauptgruppen:

1. Autoren
2. Verlage
3. Leser
4. Buchhandel
5. Bibliotheken
6. Bildungseinrichtungen

Diese ergeben sozusagen die notwendige Hülle in Form eines Würfels, die den Kern von LOG.OS umschließen.  Die abstrakte Herleitung baute einen gelungenen Spannungsbogen auf, bis Volker Oppmann das konkrete Geheimnis von LOG.OS lüftete.

Was ist LOG.OS?

Einfach ausgedrückt ist LOG.OS ein Online-Shop für E-Books. Es wäre nicht fair, dem engagierten Team lediglich diese Simplifizierung zu unterstellen, aber aufs wesentliche reduziert ist es eine Plattform, die digitale Inhalte in Form von E-Books verschiedener Verlage und Self-Publisher verkaufen will. Der entscheidende Unterschied basiert auf dem Gedanken der Unabhängigkeit und der eigenen Datenkontrolle, denn LOG.OS verzichtet auf Ausschließlichkeit von proprietären Systemen und der Ausweidung von Nutzerdaten. Hier möchte man sich ganz klar von Amazon & Co. abgrenzen, die nicht nur die eigentlichen Bücher in digitaler Form im Grunde für sich behalten, sondern auch sämtliche Informationen über Lese- und Kaufgewohnheiten auswerten. Daher soll nicht nur der Kauf, sondern auch das Lesen von E-Books über LOG.OS stattfinden, wodurch sich langsam der ursprüngliche Gedanke des „Betriebssystems“ auch mehr aus dem Nebel erhebt.

Wie finanziert sich LOG.OS?

Unternehmen wie Amazon oder Google leben im Grunde hauptsächlich von den Daten, die ihre Nutzer jeden Tag im Sekundentakt über sich preisgeben. Nicht erst seit Edward Snowden ist klar, dass die Masse an Daten im 21. Jahrhundert die neue Währung ist. Innovative Start Ups werden mit Erfolg ihres Geschäftsmodells meist früher oder später von einem Groß-Konzern aufgekauft. Ein Exit in Milliardenhöhe ist nicht selten sogar Ziel der Gründer. Daher stellen sich die Fragen, wie kann LOG.OS als wirtschaftliches Unternehmen gleichzeitig unabhängig, nutzerorientiert und profitabel sein? Wie kann man das System und deren Betreiber vor sich selbst schützen, um einen millionenschweren Buyoff zu verhindern?

Katja Splichal hatte die passenden Antworten und stellte die Organisationsform und das Finanzierungsmodell von LOG.OS vor. Als wirtschaftlich arbeitende GmbH ist der operative Teil von LOG.OS einer übergeordneten Stiftung unterstellt. Diese Stiftung unterliegt festen Vorgaben und ist in seiner Rolle der Gemeinnützigkeit nicht veräußerbar. Die Kosten für Produktion und Betrieb sollen über Spenden, Crowd Funding und Fördermittel finanziert werden. Ein Förderverein wurde dazu bereits gegründet.

LOG.OS ist ein guter Ansatz mit Stärken und Schwächen

Der Gedanke der Gemeinnützigkeit erscheint mir sehr smart und – aktuell mehr denn je – auch sehr nobel. Eine Stiftung als Mantel für eine GmbH zum Schutz vor der Veräußerung von Nutzern und Nutzerdaten ist in der Tat ein guter Ansatz. Allerdings aus meiner Sicht auch die Achillesferse des Projektes. Der heere Anspruch, den Kunden wieder die Kontrolle zurück zu geben, ist wahrscheinlich nur für diejenigen relevant, die die Zusammenhänge zwischen einem Kauf eines Kindle-E-Books bei Amazon und den gigantischen Serverfarmen im Silicon Valley herstellen können. Und damit entsteht ein Problem bei der Gewinnung der kritischen Nutzermenge. Ein solches Projekt, dass die Alternative zum perfektionierten Shopping- und Logistik-Komfort bei Amazon bieten möchte, braucht für den Erfolg mehr als die recht geringe Anzahl der Privacy Experten. Die Positionierung als Diaspora für den Online-Buchhandel ist wahrscheinlich nicht ausreichend, um Kunden von Amazon, Apple oder Google zu gewinnen. Außerdem dürfte für viele Kunden die Bereitschaft, all ihre Kindle Books und Apple iBooks aufzugeben und sich bei LOG.OS im Zweifel alles ein weiteres Mal zu kaufen, in Grenzen halten. Dazu kommen die Beschwerlichkeiten der Abrechnung zwischen den beteiligten Anbietern wie Buchhändler und/oder Verlage.

Nichts desto trotz ist LOG.OS ein Ansatz, der mehr als nur einen zweiten Gedanken wert ist. Ich bin sicher, dass der Input von außen für das Projektteam am Samstag sehr wertvoll war, denn eines hat LOG.OS sicher geschafft: Darüber noch intensiver nachzudenken, wie wirkliche Alternativen am Buchmarkt sowohl auf Produzenten- als auch auf Konsumentenseite geschaffen werden können. Der Kern von LOG.OS ist gut durchdacht, allerdings wird man die Seiten des Würfels nicht in Bezug auf die Rolle der einzelnen Protagonisten noch mehr beleuchten müssen, sondern eher nach deren tatsächlichen Bedürfnisse und Erwartungen. Und das war auch die Motivation der Kickoff Konferenz, eben solche Anregung, Lob, Kritik und Dialog zum Projekt in der Branche anzustoßen. Trotz der offenen Fragen kann die Konferenz als Erfolg bezeichnet werden, denn das Projektteam hat am Samstag auch keine fertige Lösung präsentieren wollen, sondern zu einer aktiven Beteiligung eingeladen. So wie Ansgar Warner auch Volker Oppmann zitierte: „Es ist kompliziert, aber machbar.“

It’s up to all of us!

3 Comments
  • drui
    Posted at 10:10h, 06 Februar

    Das klingt recht interessant, aber auch noch recht abstrakt. Gibt es konkretere Vorstellungen, welche(s) Format(e) die E-Books haben sollen? (Frei, Open Source, Digital Rights) Sind eigene E-Reader geplant, die Datensicherheit garantieren? Oder soziale Bewertungsplattformen für Bücher, Verlage, Anbieter? Könnten die Unis damit endlich von ausbeuterischen Wissenschafts-Großverlagen wegkommen und mit öffentlichen Mitteln finanziertes Wissen auch öffentlich frei zugänglich publizieren, statt es in sündhaft teuren Spezial-Zeitschriften zu verstecken, die die Unis (trotz kostenloser Peer Review) kaum noch bezahlen können? Inwiefern sollen die digitalen Nutzungsrechte für zahlbare E-Bookks sich von Amazon und Co. unterscheiden, sollen E-Books (einmalig, mehrmalig) weiterverkaufbar oder tauschbar sein? Oder nur der Datenschutz und die Eigenkopierechte der Nutzer verbessert werden? Sind Werbeeinnahmen zur Finanzierung geplant?

  • Kai Wels
    Posted at 11:26h, 06 Februar

    Grundsätzlich ist das Angebot DRM frei, sofern es nach den Machern geht. Wie die Verlage sich darauf einlassen werden, bleibt abzuwarten. Neben dem Online Shop sind auch Social Reading Funktionen vorgesehen, die neben dem Austausch der Nutzer untereinander oder mit Autoren und Verlagen auch im sozialen Kontext zu Empfehlungen und Kaufanreizen führen sollen. Die Frage mit den Universitäten läßt sich derzeit noch nicht beantworten. Daran arbeitet das Team offenbar noch. Die Nutzungsrechte hingegen sollen komplett beim Kunden verbleiben und offenbar auch die Option des Tauschens und Wiederverkaufs beinhalten. Auf Werbeeinnahmen hingegen soll komplett verzichtet werden.

  • alexander vieß » Blog Archive » Die Woche in Links (weekly)
    Posted at 06:13h, 09 Februar

    […] Kai Wels: LOG.OS Kick­off Kon­fe­renz: Gute Gedan­ken und offene Fra­gen […]

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