„Qualitätsjournalismus“ der Berliner Zeitung

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26 Sep „Qualitätsjournalismus“ der Berliner Zeitung

Am 22.09.2012 erschien in der Berliner Zeitung ein Artikel mit dem Titel „Wie bekloppt sind wir eigentlich?“. Er beschreibt eine Gruppe junger Erwachsene, die in Berlin angeblich dem Partyrausch und Drogenkonsum verfallen sind. In dem Beitrag von Alexander Tieg wurde darüber berichtet, wie sich die Party People nahezu jedes Wochenende mit Speed, Ketamin, Kokain, MDMA und Alkohol völlig abschießen. Drei Tage Wach ist hier scheinbar das Ritual, dass jeden Freitag beginnt und Montag früh in völliger Selbstzerstörung endet. Darin werden außerdem diverse Clubs in Berlin erwähnt, die durch die Worte des Autors suggerieren, dass dort jeder mitmachen würde und sogar die Club-Mitarbeiter entweder  konsumieren oder Drogen verkaufen. Ein ziemlich polemischer Artikel, der Berlin wieder einmal als Ort des Drogensumpfes tief in der Electro-Szene beschreibt.

Der Artikel lief auf Facebook in meiner Timeline an diesem Tag ordentlich rauf und runter. Manche sagten: „Ich habs doch immer gewusst! Die nehmen doch alle Drogen…“ Andere wiederum regten sich über die einseitige Darstellung auf. Ich selbst habe den Artikel gelesen und dachte mir nur, wie krass das ist, wenn die wirklich so drauf sind. Ich kenne die Anfänge der Berliner Technoszene noch aus Zeiten des UFO in Kreuzberg oder den Raves in der Halle in Weißensee. Natürlich werden dort Drogen genommen und nicht zu knapp. Ich musste mit ansehen, wie einige meiner Freunde darauf hängen blieben und ihr Leben nicht mehr auf die Reihe gekriegt haben.

Was ich aber in diesem Zusammenhang sehr viel krasser finde, ist ein Kommentar zu dem Artikel auf der Webseite der Berliner Zeitung, auf den mich @nilzenburger aufmerksam machte. Darin schreibt der Nutzer tomtom89 nämlich, dass die Darstellung im Text völlig verfälscht ist. Der Autor Alexander Tieg hätte offenbar drei Monate in der im Artikel erwähnten WG gewohnt und wäre zu der Zeit Praktikant bei der Berliner Zeitung gewesen. Daher hätte er seine Infos. Allerdings wären sie komplett verdreht worden und aus ab und zu feiern am Wochenende ist ein endloser Partymarathon von einer Drogenparty zur nächsten geworden.

Hier ist der Kommentar in ganzer Länge:

Hallo… hier ist Marie… Was ist wahr an diesem Artikel? Ja- wir feiern und wir nehmen dabei auch gerne Drogen, wobei das auf mich und meinen Freund „Tom“ in letzter Zeit weniger zutrifft. Ja… Julian hat zwei Kinder. Er wollte sie nicht, aber er liebt sie über alles und versucht so gut wie möglich für Sie da zu sein. Und ja… er hat auch Groll auf die Mutter seiner Kinder. Er ist 23 und hat gegen seinen Willen Zwillinge angehangen bekommen. Frag mich wer da nicht ein wenig pissed wäre. Würde mir eher Sorgen um „Julians“ psychische Gesundheit machen, wenn er’s nicht wäre. Die Tatsache, dass er trotzdem alles tut, um seine Ex zu unterstützen, hat Alex hier verschwiegen. Genauso die Tatsache, dass wir nicht jedes Wochenende feiern gehen. Und wer ist eigentlich der Autor dieses Glanzjuwels unter den journalistischen Meisterleistungen? -Alex. Alex hat im Frühling 3 Monate bei uns gewohnt, weil er Praktikum bei der Berliner Zeitung macht. Alex hat mich zwei, maximal dreimal feiern gehen sehen in der Zeit. Unser Herr Journalist hat mich zusätzlich mehrmals zum Feiern animieren wollen, damit er was zum Schreiben hat. Teilweise musste ich ihm 10mal sagen, dass ich mich nunmal nicht jedes Wochenende „abschießen“ mag, wie er es nannte. Da kam dann so was abfälliges wie „Ach komm schon. Dann kippste dir halt deine Pulle Rotkäppchen hinter und dann geht’s ab auf die Piste“. Also ehrlich… wer ist denn da kaputt im Kopf? Außerdem habe ich meine Abschlussprüfung im Februar gemacht. Alex hat bis Mai bei uns gewohnt… Ich bin ebenfalls 23 und kurz vor meiner Diplomarbeit. Ich hab mein Studium straff durchgezogen und mir nach meiner Prüfung erlaubt paar Monate was anderes zu tun. Find ich jetzt auch nicht soooo unnormal. Zumal ich mir das nicht als Hostess, sondern als Werkstudentin in einer seriösen Agentur im Gesundheitsbereich, selber finanziere. Einen Job, den ich übrigens nicht belanglos finde. Mein Freund fängt im Oktober ebenfalls an zu studieren. Wir sind tatsächlich nicht mehr als ein Haufen junger Menschen, die neben den 5 Tagen unter der Woche, die für uns auch zählen, dann und wann gerne feiern geht. Das ist vielleicht nicht das allererste, was mir einfällt unter den Dingen, auf die ich stolz bin. Zugegeben. Aber ich schäme mich auch nicht dafür. Daneben aber arbeiten wir, machen Sport, treffen Freunde, gehen ins Kino oder Theater, gehen Segeln, machen ne Schlösserbesichtigung, gehen brunchen, shoppen, erzählen uns Witze und lesen Comics. Aber das ist für eine Story wohl nicht spannend genug. Ich finde es traurig, dass es Idioten wie Alex gibt, die sich in Ihrer Selbstgefälligkeit erlauben uns so darzustellen, und noch viel trauriger, dass andere selbstgefällige Menschen auf solch verzerrender Berichterstattung beruhend über Menschen wie mich und meine Freunde derart urteilen und mit Worten wie „Opfer“ um sich schmeißen. Ich nehme selber nichts mehr, weil ich zu häufig den Kopf schütteln musste über das, was die ganze Feierei und das drumherum in dieser Stadt mit den Menschen anstellt. Aber wenn ich mir diesen Artikel und die dazugehörigen Kommentare durchlese, glaube ich, dass die „Druffies“ nicht die einzigen sind, die eben nicht alles richtig machen…

Das Interviews oder Reportagen von Journalisten verändert bis verfremdet werden ist nicht neu, aber sollte sich der Kommentar von tomtom89 als echt erweisen, hat der sog. Journalist mehr als nur eine Verleumdungsklage verdient. Meines Erachtens sollte ihm eher der Presseausweis entzogen werden. Denn wie man aus dem Umfeld von Mitbewohnern eine völlig verdrehte Story machen kann, nur um einen reißerischen Artikel zu veröffentlichen ist nicht nur respektlos, sondern missachtet so ziemlich alles, was aus meiner Perspektive zu einem Ehrenkodex von Journalisten gehören sollte.

Auf Twitter gibt es einen Alexander Tieg, in dessen Bio aktuell steht „Journalist und Langschläfer @ Henri-Nannen-Schule. // Aktuell Praktikant beim Stern in Berlin“. Nur zur Info, falls jemand Interesse an einem Exklusivinterview haben sollte.

Update zur Klarstellung: Ich habe keine Kenntnis darüber, ob der Kommentar echt ist oder der dargestellte Artikel der Wahrheit entspricht. Es geht mir hier auch nicht um Anschuldigungen, sondern eher um den Anstoß einer Diskussion über journalistische Qualität und die angewandte Verfremdung nur der Quote oder Auflage willen. Diese Thematik ist nicht neu, sondern nach wie vor sehr verbreitet, was sich auch in Werken wie „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von Heinrich Böll oder „Wag the dog“ zeigt und ich selbst ebenfalls selbst bereits zu spüren bekam . Insofern bin ich ernsthaft an einem Dialog mit dem Autor interessiert, um ggf. alle Seiten der Geschichte genauer zu verstehen.

Update 28.09.2012: Der o.g. Kommentar im Beitrag der Berliner Zeitung wurde als echt bestätigt. Die Anfrage eines Interviews läuft noch. Der Autor des Artikels hat sich bis jetzt noch nicht auf mein Angebot zum Dialog gemeldet.

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