Zuviel Buzz um Google+ oder Killerapp?

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05 Aug Zuviel Buzz um Google+ oder Killerapp?

Google+, da ist es nun. Es ist einfach da und wirkt beinahe so, als wäre es schon immer da gewesen. Als die ersten Invites zur Closed Beta verschickt wurden, entbrannte etwas abgeschwächter wie bei Google Wave der Hype und das Betteln um Einladung zum angeblichen Facebook Killer. Es ist eine Mischung aus Hass auf das erfolgreichste Social Network der Welt und der massive Wunsch zum erlauchten Kreis der Early Adopters zu zählen, als bei Twitter und Facebook (welche Ironie) die Nachfrage nach Invites die Timelines meiner Profile verseuchtet hat.

Nach guten 4 Wochen Post-Launch wird es Zeit für eine persönliche Reflektion meiner bescheidenen Google+ Erfahrung:

1. Wachstumsrate von Google+

Der Nutzerzulauf ist mit 25 Millionen in nur einem Monat im Vergleich zu bisherigen Wachstumsraten von Social Networks immens höher, fast schon überwältigend, was meiner Ansicht nach aber auch der ohnehin schon übermäßigen Omnipräsenz des Konzerns Google liegen dürfte. Wenn im Vergleich die BILD Zeitung einen neuen Ableger auf den Markt wirft, dann wird rein quantitativ die Schnittmenge der potentiellen Abnehmer sicher eher größer sein, als wenn ein neuer, unbekannter Verlag ein unheimlich tolles Magazin rausbringt. Insofern sehe ich die 25 Mio. etwas relativ.

2. Features

Ohne auf sämtliche Features an dieser Stelle genau einzugehen, da das andere bereits zu Genüge getan haben, empfinde ich die Ansätze von Google+ durchaus innovativ und irgendwie auch nicht. Begriffe wie Hangout, Huddle und Circles sind bis auf letzteres nicht ganz so verwirrend, wie die gruscheligen Bezeichnungen der VZs, aber auch nicht wirklich generisch.

Hangouts:

Browserbasierte Video Konferenzen sind allerdings nicht so wirklich neu und seit der kürzlichen Kooperation von Facebook und Skype auch innerhalb von Social Networks auch kein echter USP, sondern eher ein zukünftiges Must Have. Die Möglichkeit Hangouts von anderen live beizutreten, ist ein wenig so wie Chat Roulette und für die datenscheuen Deutschen wohl eher beängstigend.

Sparks:

Interessensfilter sind heutzutage im Informationsüberfluss wichtig. Bisher habe ich aber innerhalb von Google+ noch keine wirkliche Verwendung dafür gefunden. Evtl. entsteht der Mehrwert bei wachsender Nutzung und Nutzeranzahl.

Der +1 Button:

Google’s +1 Button ist im Grunde das Pendant zu Facebook’s Like Button. Den Vorteil, Webseiten oder Inhalte im Internet bereits auf den SERPs (Search Enginge Result Pages) bewerten zu können, ist sicherlich mit der Kernkompetenz als Suchmaschine für Facebook, Twitter o.ä. unerreichbar. Ist es dort nicht zwingend für andere Nutzer sichtbar, so dass es als Rating die Qualität der Suchergebnisse ausreichend bewerten könnte. Das ist wahrscheinlich aber auch nicht Intention gewesen, sondern eher ein weiterer Mechanismus, individuelle Filterfunktionen innerhalb der Suchalgorithmen zu optimieren.

Huddle:

Diese Funktion besteht nur in den mobilen Apps für Smartphones und ist im Grunde ein Massenchat. Offiziell von Google für spontane Terminabsprachen definiert, kann ich damit also mich in Echtzeit mit verschiedenen Personen zu einem bestimmten Thema, z.B. der abendliche Kneipenbesuch, abstimmen. Bedingt jedoch, dass sich diese Personen ebenfalls bei Google+ befinden, ein Smartphone besitzen und unfähig sind, sich vorher auf Kommunikationswegen wie persönliche Gespräche oder ein Telefonat zu einigen.

Circles:

Interessante Nutzerprofile können bei Google+ in sogenannte Circles oder zu deutsch Kreise zusammengefasst werden. Diese Funktion deckt sich im Grunde mit den Listen in Facebook und Twitter. Dabei kann analog zu Facebook zum einen bei der Ansicht als auch beim Veröffentlichen von Beiträgen entschieden werden, welche Circles Quelle oder Ziel sein sollen.

3. Nutzung

Der Aufbau des Netzwerkes erinnert etwas an Twitter. Man kann sämtliche Profile seinem Newsstream hinzufügen, so wie man bei Twitter anderen folgt. Das reduziert schon mal die Barriere und führt zu einem rasanten Wachstum der eigenen Kreise und der Präsenz in anderen Kreisen. Seit meiner Anmeldung vor 3 Wochen bin ich von anderen Nutzern bereits über 300 mal hinzugefügt worden und gefühlt kommen täglich 15 hinzu. Diese Zahl ist im Vergleich zu anderen Prime-Usern winzig, aber bei Twitter war die Zeit für die gleichen Anzahl von Followern deutlich höher.

Interessant finde ich die unterschiedliche Verbreitung von Inhalten. Zum Vergleich habe ich den selben Inhalt zur gleichen Zeit auf Facebook, Google+ und Twitter veröffentlicht. Das Ergebnis war ziemlich überraschend:

Twitter: 916 Follower – 5 Clicks

Facebook: 284 Friends – Keine Likes / 2 Re-Posts

Google+: 346 Circles – 4 mal +1 / 123-mal geteilt

Natürlich sind in meinem Facebook Profile weniger Nerds und mehr echte Freunde oder Bekannte, aber die Anzahl der Shares bei Google+ ist doch deutlich höher, obwohl ich gefühlt dort nur ca. 10% der Nutzer zuordnen kann, geschweige denn überhaupt kenne.

Der Beitrag verwies auf eine Slideshow von Marcus Brown zum Thema „The Truth about the Internet“, die er bei Picasa angelegt hatte. Bei Google+ wurde die Vorschau auf die Slideshow am umfangreichsten dargestellt, so dass der Nutzer sehr gut sehen konnte, was er bei einem Klick erwarten kann. Bei Twitter ist wiederum gar nichts zu sehen. Dies mag durchaus mit ein Grund für die bessere Viralität bei Google+ sein.

4. Fazit

Im Grunde deckt sich meine Meinung, wie die vieler anderer, dass Google+ eine Mischung aus Facebook und Twitter ist, um vergleichsweise bei den beiden größeren relevanten Social Networks zu bleiben. Durch die scheinbar stärkere Akzeptanz des Produktes Google – trotz der ständigen Vorwürfe als Datenkrake – und der ersichtlicheren Oberfläche und Inhalten hinter den Beiträgen, birgt die Möglichkeit der Verbreitung von Inhalten im Vergleich zu Twitter bei Google+ deutlich bessere Potentiale. Das Verhältnis von Nerd zu Mainstream User ist jedoch noch recht unausgeglichen, so dass der o.g. Vergleich des Beitrags durchaus größeren Anklang von Natur aus in der Digital Resident und Nerd Ecke findet. Deutlich zu sehen ist aber m.M., dass 140 Zeichen mehr Abstraktionsvermögen benötigt und eine Art WYSIWYG-Preview bei Google+ nicht nur zu Vereinfachung, sondern auch zu mehr Sharing führt.

Alles in allem also großes Potential und die Learnings aus dem Google Wave Fail gut umgesetzt. Bleibt abzuwarten, ob der große Move von Facebook zu Google+ wirklich eintritt. Ich persönlich glaube nicht, dass Mark Zuckerberg bald einsam in seinem persönlichen StudiVZ sitzt und krampfhaft versucht die mySpace Kollegen anzustupsen. Aber wer wahrscheinlich jetzt stark unter Druck geraten wird, ist Twitter. Denn der Vertrag zwischen Google und Twitter ist ausgelaufen. Der Echtzeit Content wird zukünftig wohl mehr und mehr aus dem eigenen Haus generiert, so dass der eigentliche USP Stück für Stück an Bedeutung verliert. Freu mich schon auf die Aufregung in den Presseagenturen, die sich gerade erst an dieses moderne Internetdingens gewöhnt haben. Aber ich vermute, Google ist ja schon ein altbekannter Freund, den man ja häufig für ausführliche Recherchen zum Qualitätsjournalismus verwendet. Also ist Google+ vielleicht ein bisschen wie nach Hause kommen…

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